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Die passagere Pastoral der Bahnhofsmission

Ein evangelischer Kommentar

Pas­sa­ge­re Diens­te als gro­ßar­ti­ge Ge­le­gen­heit ganz­heit­li­cher Pas­to­ral! Lan­des­kir­chen­rat i. R. Klaus Teschner wirbt für ei­ne „Mys­tik des of­fe­nen Blicks“ in der Bahn­hofs­mis­si­on und da­für, dass die Dia­ko­nie mis­sio­na­ri­scher und die Mis­si­on dia­ko­ni­scher wird.

Ca­ri­tas und In­ne­re Mis­si­on ha­ben sich ge­gen En­de des 19. Jahr­hun­derts als Zu­satz­diens­te und Not­diens­te in Er­gän­zung zu der pa­ro­chia­len Re­gel­ver­sor­gung ent­wi­ckelt. Sie wa­ren bit­ter nö­tig, aber kir­chen­recht­lich hat­ten sie kei­nen Sta­tus – sie wa­ren nicht „Ge­mein­de/Pfar­rei“. Und in­so­fern gel­ten die pas­sa­ge­ren Diens­te bis heu­te als de­fi­zi­tär. Sie sind Dienst als ers­te Hil­fe, es ent­ste­hen Kon­tak­te im Vor­bei­ge­hen, oh­ne – so meint man – Ver­bind­lich­keit, Nach­hal­tig­keit, län­ger­fris­ti­ge Zu­sam­men­ge­hö­rig­keit.

Aber dür­fen wir die pas­sa­ge­ren pas­to­ra­len Diens­te le­dig­lich vor der Fo­lie und dem Fo­rum der Pa­ro­chie se­hen, die – ne­ben­bei be­merkt – eben­falls für man­ches Ge­mein­de­glied in pas­sa­ge­re Be­geg­nun­gen, bei den Amts­hand­lun­gen bzw. Sa­kra­men­ten z. B., mit lan­gen Zwi­schen­pau­sen zer­fällt? Das Ge­gen­über, das Fo­rum der Pas­to­ral ist nicht die Kir­che, son­dern der Mensch, oder: Die Le­gi­ti­ma­ti­on der In­ne­ren Mis­si­on be­steht nicht in der Nä­he zur Sonn­tags-Ge­mein­de, son­dern in der Wahr­neh­mung des „Vol­kes“ in sei­nen viel­fäl­ti­gen Be­dürf­tig­kei­ten und so­zia­len Brenn­punk­ten: teil­wei­se oh­ne Ori­en­tie­rung Rei­sen­de, Woh­nungs­lo­se, Ar­beits­lo­se, Hilf­lo­se, Trost­lo­se …

Bei der Bahn­hofs­mis­si­on mün­det das in ei­nen mis­sio­na­risch-dia­ko­ni­schen Ge­mischt­wa­ren­la­den, des­sen O-Tö­ne (ge­sam­melt von der stell­ver­tre­ten­den Lei­te­rin der Bahn­hofs­mis­si­on Frank­furt a. M., 2008) dann so klin­gen:

„Hal­lo Schwes­ter, ich brauch mal Un­ter­wä­sche und So­cken“ oder:
„Wo fährt denn hier der Bus nach Li­tau­en?“ oder:
„Und das soll Kir­che sein! Kei­ner hilft mir hier, Schei­ß­mis­si­on.“

Die kur­zen Stich­wor­te – län­ge­re Dis­kur­se sind es fast nie – kön­nen aber auch tief­sin­ni­ger sein: Da sitzt ei­ne Frau nach ei­nem ver­pass­ten Zug in der Bahn­hofs­mis­si­on und spricht dann gar nicht über ih­re Zug­rei­se, son­dern über ih­re Le­bens­rei­se, über die sie – sum­ma sum­ma­rum – fol­gen­des Selbst­ur­teil spricht: „Ich glau­be, ich ha­be in mei­nem Le­ben al­les falsch ge­macht“ (do­ku­men­tiert von Sau­ter-Acker­mann/Ba­ke­mei­er 2013). Oder es stürmt je­mand in die Bahn­hofs­mis­si­on Dort­mund und ruft: „Ist das nicht ein schö­ner Tag, um sich das Le­ben zu neh­men?!“ (mit­ge­teilt von der Lei­te­rin der Bahn­hofs­mis­si­on). Bei ins­ge­samt 2,1 Mil­lio­nen Kon­tak­ten pro Jahr do­mi­nie­ren bei der Bahn­hofs­mis­si­on zwar die Rei­se­hil­fen und an­de­re prak­ti­sche Hil­fe­stel­lun­gen, aber exis­ten­ti­el­le Fra­gen lie­gen stän­dig in der Luft. Häu­fig gibt es den Weg vom Kaf­fee zur Kri­se.

Mis­si­on und Dia­ko­nie sind in­ein­an­der ver­schränkt; woll­te man sie von­ein­an­der tren­nen, so wür­de die „Eu­cha­ris­tie frag­men­tiert d. h. un­se­re Lie­be zu den Men­schen von un­se­rer Lie­be zu Gott und von Got­tes Lie­be zu uns ab­ge­schnit­ten“ (De­us ca­ri­tas est 14). Oder, wie Karl Barth be­tont: „Für­sor­ge für den gan­zen Men­schen. Wie viel sie auch für ihn tun mag – was hat sie ihm ei­gent­lich da­mit zu sa­gen?“ (Barth 1959, 1024; zi­tiert bei Be­cker 2011, 23).

So bie­ten die pas­sa­ge­ren Diens­te al­so ei­ne gro­ßar­ti­ge Ge­le­gen­heit ganz­heit­li­cher Pas­to­ral. Man darf sich nur nicht durch die stän­di­ge Le­gi­ti­ma­ti­ons­an­fra­ge „War das ge­nug? War das geist­lich ge­nug?“ ir­ri­tie­ren las­sen, auch wenn die Mit­ar­bei­ten­den un­ter die­sen An­fra­gen „seel­sor­ger­li­ch“ wach­sam blei­ben soll­ten. Es braucht Men­schen, die die „Mys­tik des of­fe­nen Blicks“ (Be­ru­fen zur Ca­ri­tas 2009, 28) ent­wi­ckeln, die „das Vor­über­ge­hen­de“ lie­ben und doch den Weg vom Small­talk zum Exis­tenz-Ge­spräch manch­mal (si de­us vult) ge­hen kön­nen: Und es be­gab sich, dass Je­sus vor­über­ging, sie­he, da war ein Mensch!