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Missionarisch durch den Verzicht auf Mission

Gegenwärtigkeit als ästhetischer und pastoraler Stil der Kunst-Station Sankt Peter Köln

Die Kunst-Station Sankt Peter in einer Kölner Kirche will nicht einfach Gegenwartskunst für die in die Krise geratene christliche Verkündigung einspannen, betont P. Stephan Kessler. Vielmehr bietet sie einen Raum, in dem Kunstschaffen und Gemeindeleben in eine spannende Begegnung eintreten können und Kirche einen neuen Stil der Gastfreiheit gewinnt.

Wenn sich die christliche Botschaft auf das (gesprochene) Wort allein verlässt, hat sie es unter den aktuellen kulturellen Gegebenheiten schwer. Schwerer als früher. Im Gegensatz zu der Vorstellung, dass Glaube ausschließlich vom Hören des Wortes käme, lehren die heutigen Trends, dass dem Wort an sich im Kommunikationsgeschehen ein deut­lich verminderter Stellenwert zukommt. Weit über Wort und Hören des Wortes hinaus geschieht Kommunikation bzw. Verkündigung heute multisensorisch oder eben gar nicht. Das Wort allein ist schal geworden. Um in der Gegenwart Gehör zu finden, braucht es, was die ignatianische Tradition „Anwendung der Sinne“ nennt, und es braucht Stil. Aktuell antwortet auf eine zunehmend als weniger übersichtlich wahrgenom­mene globalisierte Welt und auf den Zwang einer alle Verhältnisse durchziehenden Ökonomisierung die Gegenbewegung einer verstärkten Ästhetisierung: Kunst und deren Inszenierung liegen im Zeitgeist, sind hip. Design bestimmt über Moden, Marken und Markt. Es lässt sich ein Museums- und Ausstellungsfieber diagnostizieren. Die Künste bieten mit ihrer Freiheit und der ihnen eigenen Transzendenzfähigkeit die Möglichkeit einer Deutung des Lebens und der Welt an. Diese Interpre­tationshoheit war über Jahrhunderte ein Privileg und der unique selling purpose kirchlicher Verkündigung. Diese hat jedoch seit Beginn der Mo­derne den Kontakt zu den zeitgenössischen ästhetischen Entwicklungen weitgehend verloren. Im Zeitalter einer verstärkten Ästhetisierung brauchen die Kirchen reale und taktile Berührung und Umgang mit den kulturellen Themen der Gegenwart, wenn sie sich nicht in die Nische einer sklerotisch gelähmten Heilsinstitution bzw. Ritusagentur für gestrige Milieus zurückziehen wollen.

Der wachsende Stellenwert von Bild und Klang, von Optik, Audition und Design hat in den religiösen Kontexten eines auf einem Wortereig­nis fußenden Glaubens bisher nicht wirklich Resonanz gefunden. Die Kirchen haben aktuell nur ein unzureichendes Gehör für das entwickelt, was der Zeitgeist den Gemeinden ästhetisch sagt (Offenbarung 2,11). Angesichts des kulturellen Wandels, der mit iconic bzw. auditive turn umschrieben wird, versucht die Kunst-Station Sankt Peter Köln seit Jahrzehnten exemplarisch, einen experimentellen Übungsort für den Diskurs mit der Kultur der Gegenwart zu realisieren. Entsprechend dem jesuanischen Missionsbefehl (Matthäus 28,19) zielen die künstlerischen und gottesdienstlichen Aktivitäten an dieser Kirche nicht vorrangig auf die ethisch-moralische Belehrung von Individuen. Der Fokus liegt auf einem voraussetzungslosen Durchdringen von sozialen und ästheti­schen Räumen der zeitgenössischen Kultur mit abstrakter Gegenwarts­kunst und Neuer Musik. Das könnte elitär erscheinen, weil es nicht alle erreicht. Aber auch die vermeintliche Volkskirche erreicht zunehmend einen immer kleiner werdenden Bruchteil der Gesellschaft und der Er­halt ihrer Strukturen ist kein ausdrücklicher Auftrag des Evangeliums. Es geht um die Menschen von heute in ihren kulturellen Ausdrucksfor­men. Die biblische Sendung, in die „ganze Welt“ und zu „allen Völkern“ zu gehen, hat eine bedrängend universale Dynamik jenseits eingetrete­ner Pfade kirchlicher Verkündigung in allzu bekannten Milieus. Evange­lium und Glaube brauchen Räume, in denen sie sich vor aller Rechtgläu­bigkeit absichtslos aufhalten und sich entfalten können. Damit das ge­lingt, muss Kirche lernen, sich auf der Höhe der (Jetzt‑)​Zeit zu bewegen und eine Resonanzfähigkeit für das Heilige inmitten einer säkularen Kultur zu entwickeln. Dafür möchte in der Tradition der Geistlichen Übungen der Exerzitien die Kunst-Station Sankt Peter Köln einen quali­fiziert zeitgenössischen Übungsort darstellen.

Kontext und Konzept der Kunst-Station

Die eher bescheidene Kirche des Apostels Petrus in Köln ist eine ge­wöhnliche katholische Pfarrkirche im Reigen bedeutender Basiliken der Innenstadt. Einerseits. Andererseits verbirgt sich hinter dem roma­nisch-spätgotischen Bau eine durch ihr bewusst zeitgenössisches Profil außergewöhnliche Gemeinde. Aufgrund der künstlerischen Interven­tionen im Kirchenraum mit abstrakter Gegenwartskunst und experi­menteller Neuer (Orgel‑)​Musik ist die Kunst-Station Sankt Peter Köln ein außergewöhnlicher kirchlicher Ort. Er ist für Menschen aus ver­schiedenen Milieus anziehend und irritierend zugleich.

Dass nach den aktuellen Maßstäben kirchlicher Zusammenlegungen und pastoraler Konzentration Sankt Peter als (Klein‑)​Pfarrei eigenstän­dig aktiv sein kann, verdankt sich dem innovativen Profil als Kunst-Station. Durch die kontinuierlichen künstlerischen Aktivitäten und gelegentliche ästhetische Grenzgänge ist die Kirche weit über die Gottesdienstgemeinde hinaus bekannt und auch für eine je eigenstän­dige Kunst- und Musikgemeinde attraktiv. Die Menschen kommen aus dem weiteren regionalen Umkreis. Als Kunst-Station verfügt Sankt Peter durch die Ausstellungen und Konzerte über weltweite Kontakte und eine internationale Reputation. Das bedeutet, dass Sankt Peter neben der Gottesdienstgemeinde auch von Menschen aufgesucht wird, die nie oder eher selten eine Kirche betreten würden. Schnittmengen der verschiedenen Besuchermilieus sind vorhanden, aber zahlenmäßig eher klein. Aus den praktischen Erfahrungen des gemeindlichen Lebens und den vielfältigen künstlerischen Aktionen (mehr als 500 „Veranstal­tungen“ pro Jahr: Gottesdienste, geistliche Begleitung, Ausstellungen, Werkgespräche, Konzerte, Internationales Festival für zeitgenössische Orgelmusik, Kirchenführungen, Katechesen, Gruppen) haben sich drei komplementäre Begriffspaare herauskristallisiert, die als Eckpunkte die künstlerische und gleichzeitig pastorale Ausrichtung charakterisieren: Sankt Peter ist „konsequent zeitgenössisch – unterscheidend biblisch – ignatianisch kirchlich“. Die Spannungsbögen dieser Begriffe wurden auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Foren von Sankt Peter kommuniziert und diskutiert. Sie bilden eine Zusammenfassung der Handlungsfelder, sind Kriterien und umschreiben die Zielrichtung für die unterschiedlichen Arbeiten. Die Trias der Begriffspaare dokumen­tiert und repräsentiert, wofür die Kunst-Station Sankt Peter Köln steht.

Kirche als Kunst-Station: Geschichte erklärt die Gegenwart

Auf den Grundmauern der römischen Thermenanlage errichtet, eta­blierte sich Sankt Peter im Kontext des langen Prozesses der Christiani­sierung schon früh als ein markanter kirchlicher Ort im Zentrum der Stadt. Kunsthistorisches Zeugnis ist eine der wenigen bis heute erhal­tenen Doppelkirchenanlagen zweier im Grundbestand romanischer Kirchen auf römischen Fundamenten: das Frauenstift Sankt Cäcilien (heute Museum Schnütgen) und die Gemeindekirche Sankt Peter. Seit dem Frühmittelalter war und blieb Sankt Peter ein kreativer Ort christ­licher Verkündigung im urbanen Kontext unter der Verantwortung von Frauen; denn die Äbtissinnen des benachbarten Cäcilienstifts blieben bis 1803 die Träger der Pfarrei. Der nach den Zerstörungen des 2. Welt­kriegs vereinfacht wieder aufgebaute Kirchenbau von Sankt Peter wur­de 1960 den Jesuiten zur Seelsorge anvertraut.

Für die Auseinandersetzung mit den Dynamiken der Moderne war 1642 die Ankunft des letzten Bildes des Barockmalers Peter Paul Rubens ein entscheidender Impuls. Das ausdrucksstarke Bild des Martyriums Petri darf im Kontext der barocken Bildpropaganda als eine Ikone der katholi­schen Reform gelten. Als das erste „moderne“ Bild in der Stadt Köln hat es nicht nur die regionale Kunstgeschichte geprägt. Das von Rubens ei­­gens für die Pfarrkirche seiner Kindheit gemalte Bild des Pfarrpatrons prägt in aller Dramatik eine ungeheure Präsenz. Weit davon entfernt, ein bloßes Heiligenbild zu sein, das historisierend den Martertod des Erstapostels abbildet, ist es mit seiner geradezu bedrängenden Darstel­lung roher Gewalt und wehrloser Ohnmacht ein Bild, das herausfordert. Die komponierte emotionale Dramaturgie intendiert einen inneren Dia­log des Betrachters. Der verzweifelte Blick des gekreuzigten Petrus in tödlicher Verlassenheit stellt den Betrachter – wie das antike Vorbild Laokoon – vor existentielle Fragen: Wo stehe ich angesichts von Leid, Ungerechtigkeit und wie lebe ich angesichts der Perspektive radikaler Endlichkeit? Kann ich mit meinen Fragen – wie der abgebildete Petrus – im Scheitern und im Schmerz Zuversicht und Gewissheit finden? Das Rubensbild in Sankt Peter ist ein Hoffnungsbild im Scheitern. Es ver­weist den Betrachter nahezu unerbittlich in das Jetzt der Gegenwart.


Die Dynamik existentieller Aktualität, die von dem Bild der Kreuzigung Petri ausgeht, nimmt 300 Jahre später Pater Friedhelm Mennekes wie­der auf. Ab 1987 lädt er Künstlerinnen und Künstler ein, im Chorraum der Kirche zeitgenössische Triptychen zu präsentieren. Weil es um die Suche nach dem neuen Altarbild in der abstrakten Gegenwart ging, soll­ten traditionelle Bildthemen der christlichen Tradition keine Berück­sichtigung finden. Aus dieser Aktion entwickelte sich die bis heute un­abhängig und unentgeltlich operierende Kunst-Station bei Sankt Peter. An dieser informellen Institution haben sich Klassiker der Kunstent­wicklung des 20. und 21. Jahrhunderts beteiligt: C. Sherman, F. Bacon, R. Trockel, J. Holzer, E. Chillida, A. Rainer, R. Ueda, R. Biscotti, K. Prendergast, E. Asensi und viele andere mehr (vgl. Schlimbach 2009). Als zeitgenössischer Kirchort eröffnet Sankt Peter bewusst eine Plattform für moderne Formen von Kult, Kunst und Neuer Musik.

Kunst-Station, nicht Kulturkirche

Anders als die verschiedenen, aktuell entstehenden Initiativen sog. „Kulturkirchen“ sucht die Kunst-Station Sankt Peter nicht die Begeg­nung von Kunst und Kirche. Es geht um anderes, vielleicht um mehr. Auch wenn Kirche und Kunst eine lange gemeinsame Geschichte prägt, so ist diese Verbindung in der Neuzeit zerrissen. Sie scheint bis heute trotz zahlloser versöhnlicher Initiativen von beiden Seiten nicht wieder herstellbar. Allzu oft führt der von rückwärtsgewandten Sehnsüchten bestimmte Versuch nach einer Versöhnung von Kirche und Kunst in ausweglose Aporien oder zu stilarmen Übergriffigkeiten. Mit dem Leiter des Kunstmuseums Kolumba, Stefan Kraus, ist deshalb unideologisch und lapidar festzuhalten, dass „das Thema christlicher Kunst […] ab­gehakt“ ist (Kraus 2018). Die Kunst-Station möchte anders als ein Muse­um, aber in vergleichbarer Professionalität, respektvoller Distanz und gegenseitiger Achtung den Raum eröffnen, in dem sich der überlieferte Glauben und die zeitgenössische säkulare bzw. nachchristliche Kultur einander aussetzen. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als das vorurteilsfreie Sich-einander-Aussetzen. Wehrlos stehen sich im Kir­chenraum von Sankt Peter Kunst und Glaubenspraxis gegenüber. Unter dem gleichen Dach treffen sie aufeinander. Sie teilen den gleichen Raum. Gottesdienst wird im von Skulpturen verstellten Raum gefeiert und säkulare Bilder finden sich von Weihrauchschwaden der Liturgie vernebelt. Es geht nicht um ein Nacheinander von Gottesdienst und Kunst, sie wirken ineinander und auch aufeinander, achten aber auf ihre jeweilige Freiheit. Die ehrliche Konfrontation von Religion und Ästhetik ist angezielt, die sich jeder vorschnellen gegenseitigen Interpretation entzieht (vgl. Kessler 2019).

Das vorurteilsfreie Aushalten kultureller Differenz macht Sankt Peter zu einem bodenständigen Ort des Diskurses, in dem Kunst und Religion ihre je eigene Sprache sprechen. Die leicht ambivalente Spannung ver­leiht sowohl den künstlerischen Positionen und als auch dem gefeierten Kult eine neue bzw. unvermutete Relevanz. Das präsentische Wort der biblischen Offenbarung, das Juden und Christen anvertraut ist, erhält als gesprochenes Wort in der multisensorischen Repräsentanz der Ge­genwartskultur eine eigene Bedeutungsschwere bzw. Leichtigkeit. Die kulturelle Differenz wirkt vitalisierend. Denn normalerweise sind kirchliche Milieus nur wenig auf die Begegnung mit der gegenwärtigen Welt ausgerichtet. Vor allem der im 19. Jahrhundert verordnete Marsch der Kirche in restaurative Gegenwelten hat vielfach in dezidiert anti­moderne Ghettos geführt. Sozialpolitische und erst recht ästhetische Gegenwartsströmungen waren im Binnenraum der Kirche bzw. der Liturgie qua ihrer Aktualität suspekt. Auch wenn in der Folge des Zwei­ten Vatikanischen Konzils (1962–1965) versucht wurde, konfessionelle Milieuenge und Sonderweltlichkeit aufzubrechen, so fand die ange­strebte Verheutigung des konziliaren aggiornamento auf dem Gebiet der Künste nur mühsam ihren Weg in die weitgehend säkularen Gegen­wartskulturen. Vor einer Hyperästhetisierung bewahrt die Kunst-Sta­tion Sankt Peter die Rückbindung der künstlerischen Aktivitäten an das Leben einer realen Pfarrgemeinde mit allem, was dazugehört. Neben der bewussten Feier des Kirchenjahres (z. B. Bilderfasten in der vor­österlichen Bußzeit durch radikale Verhüllung) und der regelmäßigen Spendung der Sakramente, die den christlichen Lebensweg begleiten, liegt ein Schwerpunkt auf der Taufpastoral verbunden mit Kinderarbeit und Jugendpastoral unter den nicht ganz einfachen Bedingungen der Gegenwart. Die diakonische Arbeit mit Sprachunterricht für Geflüch­tete im Gemeindesaal sowie die Arbeit mit drogenabhängigen Men­schen auf dem Cäcilienhof bei der Kirche während der Woche geben Sankt Peter einen Akzent, der Liturgie und Kultur jenseits der Ästhetik im Hier und Jetzt erdet.

Mut zur Leere: Attraktivität durch Konzentration und Echtheit

Die Gottesfrage stellt sich in unseren Tagen nicht mehr bzw. immer weniger kirchlich. Sie erwacht jedoch nicht selten ganz ausdrücklich im sensitiven und sensiblen Raum der Künste. Damit transzendentes Fra­gen möglich wird, braucht es unverzweckte offene Räume. Um eine solche Weite und Absichtslosigkeit jenseits pastoraler Motive zu schaf­fen, ist der Kirchenraum von Sankt Peter weitestgehend leer geräumt. Allein das Fehlen der raumfüllenden Bänke bzw. Bestuhlung (zur Beleh­rung) ist ein Geheimtipp der Kunst-Station Sankt Peter, der Menschen zu Fragen ermutigt. Nach einer jahrhundertelangen Tradition apologe­tischer Glaubensvermittlung und einer institutionellen Bindungsge­schichte ist das (volks‑)​kirchliche Pattern der Transzendenzvermittlung ausgereizt. Durch den zusätzlichen Vertrauensverlust aufgrund sub­stanzieller und systemischer Fehlentwicklungen in der Kirche wird einer bloß verbalen Botschaft kaum mehr Glauben entgegengebracht. Zudem unterstreicht die Unverbundenheit mit der Gegenwartskultur die fehlende Relevanz kirchlicher Verkündigung für den Alltag, allen voran bei einer digitalen Generation. Die Leere des Kirchenraumes und der Verzicht auf eine besserwisserische Verkündigung schaffen einen Freiraum, der in seiner Schlichtheit Konzentration auf existentielle Fragen ermöglicht. Wenn dazu Kunst und Musik eine Insel der Echtheit ermöglichen, wird für säkulare Zeitgenossen sogar die Kirche attraktiv.

Das Aushalten der Ambivalenzen künstlerischer Interventionen und der Fremdheitserfahrungen einer nicht religiösen Gegenwartsästhetik im Kirchenraum gleicht einem Aufbruch in unbegangenes Territorium, kirchlich gewendet in ein Missionsgebiet (vgl. Arnold/​Meyer 2019; Papa Francesco 2019). Durchaus in der Tradition jesuitischer Missionare möchte die Kunst-Station absichtslos und frei von kirchlich-pastoralen Motiven Sankt Peter als Raum der Gegenwart offen halten und vor jegli­cher Verkündigung die Grammatik der Jetztzeit lernen. Die Zurückhal­tung bis Aszese gegenüber den Formen einer missionarischen, gar (neu‑)​evangelisierenden Vereinnahmung in kirchliche Milieus oder Sprache geschieht in dem Bewusstsein, dass die Künste transzendente Bildwelten erschaffen können. Diese bleiben für den Glauben und die Religion unerreichbar. Während christliche Verkündigung an den Kanon der biblischen Tradition gebunden bleibt, sind die Künste frei. Sie berei­chern auf eigene Weise die menschliche Sehnsucht nach Transzendenz und berühren das metaphysische Geheimnis eines göttlichen Bereichs. In der eigenständigen Transzendenzfähigkeit liegt das ungeheure Ant­wortpotenzial der Kunst, das in kirchlichem Handeln trotz analoger Ausrichtung in der Moderne keine Entsprechung mehr gefunden hat. An dieser Leerstelle möchte die Kunst-Station Sankt Peter durch ihre Art und Weise der Gegen­wärtigkeit ansetzen. Absichtslose Gegenwär­tigkeit ist die Mission der Kunst-Station Sankt Peter Köln. Durch diese Form der Offenheit erhält die Kirche eine neue Attraktivität. Nicht die Weitergabe von Glaubensinhalten oder die Kontrolle der Glaubenslehre schaffen ein anziehendes Klima, sondern der Stil einer bedingungslosen Gastfreiheit für zeitgenössische Ausdrucksformen der Kultur. Auf diese Weise entsteht über das Wort hinaus ein Klima des ästhetischen und pastoralen Interesses, das durch sinnenhafte Freiräume der Konzentra­tion und Echtheit geprägt wird. Da entsteht sogar unter den Bedingun­gen der gegenwärtigen Kultur das Vertrauen in die Zusage des Wortes.