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Charismenkurse. Von der Idee zum Finden der eigenen Charismen

Kaum ein Begriff wird heute im Zusammenhang mit kirchlicher Entwicklung und ehrenamtlichem Engagement so breit genutzt wie „Charisma“. Im Pasto­ralplan des Bistums Münster kommen Charisma und entsprechende Synonyme 87-mal vor. Im Folgenden soll die Begleitung der Menschen, die sich aufmachen, ihre Charismen und deren Entdeckung ernst zu nehmen, aus Praxissicht betrachtet werden. Dazu sollen in einer knappen Übersicht die bisher bestehenden Kursmaterialien vorgestellt werden, um mit einem Ausblick auf die Verknüpfung von „Charismenorientierung“ und „Neuem Ehrenamt“ zu schließen.

Vorbemerkungen

Um ihren jeweils eigenen Charismen auf die Spur zu kommen, treffen sich an einem Freitagabend 12 Männer und Frauen in einer Kleinstadt mitten in Schleswig-Holstein. Sie sind kirchennah oder auf der Suche, alt erprobte Ehrenamtliche oder Menschen in sich verändernder Le­bens­situation. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, an diesem Abend und zwei ganzen Samstagen den eigenen Charismen auf die Spur zu kommen, herauszufinden, was es heißt, dass sie selbst von Gott mit einem Charisma beschenkt sind. Was könnte dieses Charisma konkret sein, wie passt es zu mir und für wen möchte ich es einsetzen?

Mit der Erkundung der eigenen Charismen sind sie nicht allein unter­wegs. Charismenorientierung ist heute gewollt und kommt an vielen Orten vor, z. B.:

  • im Pastoralplan des Bistums Münster (Pastoralplan des Bistums Münster 2015), aber auch in entsprechenden Fortbildungsangeboten, z. B. „Best Practices 2015 – Talente entdecken und fördern“ (Best practices 2015).
  • im Grundlagenpapier der Erzbistums Hamburg zur Entwicklung Pastora­ler Räume: Für Erzbischof em. Dr. Werner Thissen ergeben sich „wei­te­­re Chancen … durch einen ,charismenorientierten‘ Einsatz haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nicht jeder tut zu jeder Zeit alles, aber jede und jeder bringt seine besonderen Gaben ein“ (Thissen 2010, 1f.).
  • bei der kfd Deutschland: Diese hat 2005 unter der Überschrift „Charis­men leben – Kirche sein“ den gesamten Verband zum Thema posi­tioniert (Bogner 2013).
  • im Erzbistum Paderborn, das mit dem Zentrum für angewandte Pasto­ral­forschung (ZAP) eine Studie zum Thema „Die Taufberufung als Referenzgröße zukunftsweisender Bistumsentwicklung“ durchführt (ZAP / Erzbistum Paderborn 2015).
  • im Erzbistum Köln, in dem die Hauptabteilung Seelsorge-Personal einen 1½-jährigen Kurs „Charismen entfalten – Gemeinde/n gestalten“ für Hauptamtliche anbietet (Erzbistum Köln 2015a).

Auch Papst Franziskus betont die Bedeutung von Charismen: „Gott gibt diese Eigenschaft, dieses Charisma jenem Menschen, aber nicht für ihn selbst, sondern damit er der ganzen Gemeinschaft dienen kann“ (Franziskus 2014). Damit verbunden sind weitere Gedankenanstöße: „Etwas Wichtiges, das gleich hervorgehoben werden muss, ist die Tatsa­che, dass man nicht allein verstehen kann, ob man ein Charisma hat und welches“ (ebd.). Und: „Diese Fragen müssen wir uns stellen: ob ich ein Charisma habe, ob dieses Charisma von der Kirche anerkannt ist, ob ich mit diesem Charisma zufrieden bin oder ob ich etwas neidisch bin auf die Charismen der anderen, ob ich dieses Charisma haben wollte und haben will. Das Charisma ist ein Gabe: Nur Gott schenkt es!“ (ebd.).

Wie können Menschen beim Finden der eigenen Charismen begleitet werden?

Neben Gottesdiensten, Impulsen bei Sitzungen, einem häufigen Spre­chen über Charismen, dem Ansprechen bei Mitarbeitergesprächen, Ein­ladungen zum Gebet um Charismen können konkrete Kurse angeboten werden. Dabei haben die TeilnehmerInnen oftmals erstmalig die Chan­ce, sich in einer speziell zur Verfügung gestellten Zeit damit zu be­schäf­tigen, was ein Charisma grundsätzlich ist und welches ihr Charisma sein könnte. Dazu werden verschiedene Methoden angeboten, u. a. ein Fra­ge­bogen zur Erkundung der eigenen Charismen. Einige Bistümer in Deutschland sammeln bereits Erfahrungen im Umgang und Einsatz von konkreten Kursen:

  • Das Bistum Hildesheim bietet seit mehr als 5 Jahren Kurse vor Ort in Pfarreien an und hat als Kursleiter weitere Multiplikatoren ausge­bildet.
  • Davon angeregt bietet u. a. das Erzbistum Hamburg Gemeinden den Kurs „Gaben Leben“ an. Die Evaluationen zeigen, dass besonders die ehrenamtlichen TeilnehmerInnen den Kurs als Chance sich weiterzuentwickeln schätzen.
  • Das Erzbistum Paderborn bietet einen Kurs für Hauptamtliche an, um Perspektivwechsel anzustoßen. In Hildesheim und Hamburg ist eine Kurseinheit zu Charismen Bestandteil von Kirchenkursen zur lokalen Kirchentwicklung (Erzbistum Hamburg 2015a).

Wie kann ein Kurs zum Entdecken der eigenen Charismen aussehen?

Die zu Anfang beschriebenen Frauen und Männer aus Schleswig-Hol­stein beginnen die gemeinsame Zeit mit einem Abendbrot, Gelegenheit anzukommen und sich zu stärken. Nach einer kurzen Gebetszeit sind die TeilnehmerInnen eingeladen, sich auf leichte Art und Weise näher kennenzulernen. So entstehen Vertrautheit, Bereitschaft, sich auch wei­ter auszutauschen, und vielleicht das Aha-Erlebnis, dass ich doch nicht alle Menschen so kenne wie gedacht.

Mit einer Präsentation zur Idee der Charismenorientierung beginnt der Einstieg ins Thema: Wofür schlägt mein Herz wirklich, welche Themen und Menschen liegen mir am Herzen? Mit leitenden Fragen macht sich jede und jeder in Einzelarbeit auf die Suche und tauscht sich dann zu zweit in einem wertschätzenden Interview darüber aus. Mit einem spirituellen Impuls schließt der Abend.

Am nächsten Morgen treffen sie sich zum Auftakt in der Kirche, versam­meln sich mit unterschiedlichen Impulsen um Jesus. In Kleingruppen forschen sie später der Frage nach, was die Bibel über Charismen sagt und was das für die Kirche heute bedeuten kann. Gestärkt vom Mittag­essen gibt es für die TeilnehmerInnen die Möglichkeit ihren eigenen Arbeitsstil mit 20 Fragen in den Blick zu nehmen. Bin ich jemand, der spontan an Aufgaben herangeht oder länger nachdenkt? Liegt mir die Erfüllung der Aufgaben am Herzen oder die Menschen, mit denen ich unterwegs bin? Jeder Zugang ist wichtig, wenn ein Team erfolgreich sein will. Wenn ich meinen Arbeitsstil kenne, kann ich die dazu passen­­de Aufgabe finden. Nach einer ausführlichen Einführung in den angebo­te­nen Charismen-Test und der Einladung, sich auch von anderen Men­schen aus ihrem Umfeld mit eigenen Fragebögen Rückmeldung zu mög­lichen Charismen geben zu lassen, gehen die TeilnehmerInnen für zwei Wochen auseinander.

Am Samstag zwei Wochen später ist Zeit, sich von den eigenen Erfah­run­­­gen zu erzählen, zu entdecken, wie reich jeder einzelne und die Ge­meinde beschenkt ist. Vielleicht wurde auch entdeckt, was nicht das eigene Charisma ist und welche Aufgaben daher ruhig aufgegeben wer­den können. Die drei Aspekte (Wofür schlägt mein Herz? Was ist mein Arbeitsstil? Was könnte mein Charisma sein?) fügt jeder und jede für sich zusammen. Zu zweit teilen die TeilnehmerInnen ihre Überle­gun­gen und geben sich Rückmeldung über mögliche Felder, in denen das Charisma zum Leben kommen könnte. In eine geistliche Zeit mit Stille, Bibeltexten, Gesang und freiem Gebet kann jeder zum Abschluss seine geplanten Schritte einbringen. Vielleicht verabreden sich Einzelne, im Gespräch zu bleiben, füreinander zu beten oder sich mit praktischen Informationen über freiwillige Arbeit in der Stadt und in der Kirche zu unterstützen. So oder anders könnte ein Kurs zum Entdecken der eige­nen Charismen aussehen.

Wonach entscheidet eine Organisation (z. B. Gemeinde, soziale Einrichtung), in welcher Form und Gestalt sie einen Kurs anbieten will?

Zur Entscheidung dieser Problematik können evtl. einige Fragen hilfreich sein:

  • Von welchem Charismenverständnis im Verhältnis zu natürlichen Begabungen gehe ich aus?
  • „Hinter dem Verhältnis natürliche Begabung vs. geistgewirktes Cha­risma steckt die Diskussion um die Beziehung von Natur und Gnade. Somit wird man sich vor zwei Extremen hüten müssen: gegen eine idealistische Gleichsetzung wird der Geist als Ursprung der Charis­men betont werden; gegen eine spiritualistische Trennung wird der Mensch als ein schon immer begnadetes Geschöpf begriffen werden“ (Moosburger 2014, 404).
  • Von welchen Charismen gehe ich aus? Wird z. B. in einem Fragebogen zölibatäres Leben als Charisma gesehen? Dies ist wichtig, um die vie­len in Print und virtuell vorliegenden Fragebögen / Gabentests ein­schätzen zu können.
  • Ist der Kurs Auftakt eines persönlichen Entdeckungsprozesses der eige­nen Charismen oder hat man damit bereits sein Charisma gefunden? „Now the fun begins! Pick the area of possible giftedness that you find most interesting and begin to experiment with it. (…) Actual hands- on ‚trying it out‘ seems to work best, especially if supplemented by prayer, reading and talking about your experience with others … All three ‚signs‘ [of a spiritual gift], our effectiveness, our feelings and the affirmation of others, should line up over time” (Übers.: Nun geht’s richtig los. Wähle das Gebiet aus, in dem du möglicherweise ein Cha­ris­ma hast und das du am interessantesten findest. Beginne in diesem Gebiet zu experimentieren. … Das tatsächliche Ausprobieren und Er­proben bringt die besten Erkenntnisse. Insbesondere wenn es von Gebet, Lektüre und dem Austausch mit anderen über die Erfahrun­gen begleitet ist. … Alle drei Merkmale [eines Charismas], unsere Wirksamkeit, unsere Gefühle und die Bestätigung durch andere, sollten mit der Zeit zusammenkommen. [M. D.]) (Weddell 1998).
  • Geht es in dem Kurs „nur“ um Charismen oder auch um mögliche Umsetzung? Dann sind neben einem Test für die Charismen z. B. der eigene Persönlichkeitsstil, die eigenen Passionen und die eigenen Zeitressourcen zu erkunden und Hilfestellungen dafür anzubieten.
  • Wie werden die TeilnehmerInnen anschließend begleitet und vor allem von wem? „Leitungs­verantwortliche – wo immer sie tätig sind, ob auf örtlicher oder überörtlicher Ebene – kön­nen ihrer Leitungs­ver­antwortung nur gerecht werden, wenn sie sich selbst einem solchen Bewusstwerdungsprozess aussetzen und es als ihre Leitungsaufgabe ansehen, aus einer hörenden Haltung heraus Charismen zu entde­cken und zum Tragen kommen zu lassen“ (Bogner 2013).
  • Ist Kirchenentwicklung das vorrangige Ziel des Kurses? Ist ein Angebot für Multiplikatoren notwendig, die dann vor Ort den Rahmen für Kir­chen­entwicklung schaffen. Falls es keinen Multiplikatorenkurs sepa­rat für Hauptamtliche gibt, sollten diese zumindest gemeinsam mit Ehrenamtlichen an einem Charismenkurs teilnehmen. Oder ist die persönliche Entwicklung der Teilnehmenden das vorrangige Ziel? Dann können in letzter Konsequenz Kurse unabhängig von einer Ge­meinde oder Organisation ausgeschrieben werden.
  • Welche Rolle spielt der geistliche Prozess in dem Kurs? Es muss Raum für Gebet und Besinnung geschaffen werden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, kirchenferne Menschen auszuschließen.
  • Wie werden TeilnehmerInnen vor Instrumentalisierung geschützt? – „Du hast dein Charisma gefunden, nun erwarten wir, dass du dich bei uns engagierst.“

Je nach Zielgruppe ist das Format des Kurses zu planen (Ein halbes Wochenende plus einen Samstag; drei ganze Tage etc.).

Welche Kursmaterialien stehen zurzeit zur Verfügung?

Für die praktische Durchführung eines Kurses stehen unterschiedliche Materialien zur Verfügung. Unter dem Strich ist es jedoch so, dass es (noch) keine deutschen katholischen Materialien gibt. Darüber hinaus setzen fast alle Materialien erste Erfahrungen mit ehrenamtlichem Engagement voraus.

  • Verbreitet ist D.I.E.N.S.T.: Dies ist ein Kurs, der in der freikirchlichen Bewegung um Willow Creek entstanden ist (Hybels / Bugbee 2011). Die Materialien liegen auf Deutsch vor, neben dem Teilnehmerhand­buch werden ein Leiterhandbuch und ein Multimediapaket angebo­ten. Der Kurs ist umfassend (Gabentest, Persönlichkeitsstil, Passion und Einschätzung der Alltagssituation) und setzt ein persönliches Beratungsgespräch nach dem Kurs voraus. Ziel des Kurses ist, Mitar­bei­terInnen für die eigene Kirche zu gewinnen. Das Verständnis von Charismen in D.I.E.N.S.T. fußt vorrangig auf biblischen Belegen. Der amerikanisch-freikirch­liche Hintergrund wird auch an den genutzten Beispielen (Scheck ohne Wert) und den Fragen (Freiwillig den Zehn­ten geben) deutlich.
  • Angepasst an die deutsche Kultur ist der Kurs „Ich bin dabei“ (Obenauer / Obenauer 2011). Gemeinsam mit der evangelischen Lan­deskirche Baden zunächst als „Mitarbeiten am richtigen Platz“ ent­wickelt, liegt neben dem Teilnehmerbuch ein Leiterhandbuch mit CD-Rom vor. Die Fragen im Test sind für Deutsche zugänglicher for­muliert, der Kursablauf weitgehend analog zu D.I.E.N.S.T. geblieben, eine größere Änderung gibt es im Hinblick auf die Erkundung des ei­­genen Persönlichkeitsstils. Ein Fokus des Kurses liegt auf ehrenamtli­chem Engagement, weniger auf Kirchenentwicklung. Der Kurs lädt die Teilnehmenden ein, ihre Gaben ggf. außerhalb der Kirche zu ver­wirklichen. Im Test werden Spuren zu 16 möglichen Charismen ge­legt, wobei jedoch das Apostolat und die Unterscheidung der Geister im Test nicht angesprochen werden. Die Liste von konkreten Fragen wird mit offenen Fragen ergänzt, in dem die im Test nicht abgefrag­ten Charismen sichtbar werden können.
  • Das Institut für Engagementförderung des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Hamburg Ost geht in seinem Kurs „Reich beschenkt“ einen Schritt weiter in die Lebenserfahrungen vieler Menschen heute hinein (Reich beschenkt 2015). Dieser Kurs wurde noch gezielter auf Menschen hin entwickelt, die sich in Veränderungsphasen befinden, sowohl kirchennah als auch kirchenfern. Der Kurs wird an zwei Abend­terminen angeboten, wobei der religiöse Zusammenhang hauptsächlich durch das personale Angebot der LeiterInnen herge­stellt wird. Durch einen erweiterten Fragenkatalog (z. B. Technik­kenntnisse) und die nicht-religiöse Sprache fühlen sich sehr unter­schiedliche Menschen eingeladen. In dem Kurs ist jeweils Zeit für ein Beratungsgespräch mit der Leitung des Kurses. Das Institut bietet für den Kurs auch eine Ausbildung von Multiplikatoren an.
  • Das Catherine of Siena Institut, Colorado Springs /USA (http://www.siena.org/), hat einen „katholischen Zugang“ zum Erkunden der eigenen Charismen entwickelt: „The called and gifted Discernement Process“. In dem angebotenen Test werden 24 mögliche Charismen angesprochen. Neben dem auf Englisch vorliegenden Test gibt es Handbücher und einen ausführlichen Workshop auf CD, der theologische Fragen anspricht, die nächsten möglichen Schritte für die TeilnehmerInnen erläutert und die Charismen in ihren Konse­quen­zen ausführlich vorstellt (Siena 2015). Es wird deutlich zwischen „Talent“ und „Charisma“ unterschieden.
  • Einen anderen Zugang bietet „Living your Strength“ (Winseman u. a. 2004), das aus dem „Strengthfinder“ entstanden ist. Hier wird der Zweiklang von Talent und Charisma vom Talent her gedeutet. Wenn es bei Charismen verstärkt darum geht herauszufinden, was Gott durch mich erreichen will, geht es hier darum herauszufinden, wie ich dies erreichen kann: „Identifying your talents isn’t intended to take the place of identifying your Spiritual Gifts, but rather, it can be a powerful way to enhance your Gifts and calling. Your Spiritual Gifts help you find what the ministry is that God wants to see you accomplish; your talents are God’s way of showing you how you will accomplish it” (Übers.: Die Ermittlung deiner Talente soll nicht das Ermitteln deiner geistigen Gaben ersetzen. Vielmehr kann es ein gro­ßer Schritt sein, um deine Gaben und Berufung weiterzuentwickeln. Deine geistigen Gaben helfen dir, den Dienst zu finden, in dem Gott dich erfolgreich sehen möchte. Deine Talente sind Gottes Art dir zu zeigen, wie du es verwirklichen kannst. [M. D.])(ebd. 30). Der „Strengthfinder“ ist aus den Interessen der Personalwirtschaft ent­standen (Buckingham / Clifton 2011) und ist ein vom Gallup-Institut erprobtes und wissenschaftlich fundiertes Instrument, um die eige­nen Talente zu entdecken. Dies geht ohne Vorerfahrungen im kirchli­chen Ehrenamt oder im Ehrenamt überhaupt. Der Test an sich liegt auf Deutsch vor.
    In den USA wurde der „Strengthfinder“ mit „Living your Strength“ in einen christlichen Kontext eingebettet. „Living your Strength“ liegt in einer katholischen Ausgabe vor. Dazu kommt der Kurs „The living your Strength Journey“ mit Teilnehmerbuch und Material für die Lei­tung, mit dem die TeilnehmerInnen den spirituellen Hintergrund ent­decken und Bezüge zu ihren Charismen herstellen. Dieser liegt in Versionen für verschiedene Konfessionen vor, allerdings nur auf Eng­lisch (The Living your Strength Journey 2015). „The living your Strenght Journey“ geht davon aus, dass jeder Mensch berufen und eingeladen ist, diese Berufung zu erkunden. Gott beruft nicht mit lauter Stimme, sondern durch die den Menschen geschenkten Talen­te. Wenn ich meine Talente entdecke, entdecke ich zugleich meine Berufung von Gott. Die TeilnehmerInnen der Reise treffen sich sieben Abende im Wochenrhythmus für zwei Stunden und jeder macht nach dem ersten Abend online den „Strengthfinder-Test“. Jeder Abend hat einen anderen Schwerpunkt: Wofür schlägt mein Herz? Wie probiere ich meine Talente aus? Wie bekomme ich Rückmeldung von anderen Menschen? Was wären mögliche Engagementfelder? Wie möchte ich die Erfüllung meiner Berufung finden?
    In der Zeit zwischen den Treffen führt jede und jeder ein persönliches Journal, lässt sich von der Bibel ansprechen, betet und entscheidet sich für konkrete Aktivitäten, um der eigenen Berufung auf die Spur zu kommen.

Um die Erfahrungen mit den genannten Materialien auszutauschen, das heutige Verständnis von Charismen zu schärfen und ggf. Materialien wie Fragebögen weiterzuentwickeln, hat sich im Januar 2015 zum zwei­ten Mal eine offene interdiözesane Arbeitsgruppe mit TeilnehmerInnen aus sieben Bistümern und Organisationen getroffen. Die Arbeitsgruppe wird von Gabriele Glandorf-Strotmann, Pastorale Dienststelle Erzbis­tum Hamburg, und Gabriele Viecens, Bistum Hildesheim, koordiniert.

Wie können die Ansätze der Charismenorientierung und Ausbildungen zur Freiwilligenkoordination in Beziehung stehen?

Seit einigen Jahren bieten immer mehr deutsche Bistümer Ausbildun­gen zur Ehrenamtskoordination oder Freiwilligenkoordination in Pfar­reien an, u. a. die (Erz-)Bistümer Hamburg, Köln, Trier und Essen. Dabei entstand auch die Sorge, ob durch diese Bemühungen Pfarreien nicht befähigt würden, Löcher in der Pastoral mit Ehrenamtlichen zu stopfen, am Alten festzuhalten und notwendige Veränderungsprozesse hinaus­zuzögern. Diese Frage war u. a. Impuls zur Beschäftigung mit Charis­men­orientierung im Bereich der Förderung von ehrenamtlichem Enga­gement.

Zeitgleich entwickelten sich, wie zuvor beschrieben, die Ansätze Charis­menorientierung und die Konkretisierung in Charis­menkursen mehr und mehr als ein Bestandteil der lokalen Kirchenentwicklung. Dies wird z. B. in dem vorgenannten Kurs des Erzbistums Köln „Charismen entfal­ten – Gemeinde/n gestalten“ oder dem Kirchenkurs in Hamburg deutlich.

Diese beiden Entwicklungsrichtungen bereichern sich gegenseitig und sind weniger ein Gegensatz, als es auf den ersten Blick erscheint.

Ehrenamtskoordination ernst genommen setzt immer bei dem einzel­nen Menschen an und beinhaltet Gestaltung von Kirche. So heißt es in der Rahmenordnung zum Ehrenamtlichen Engagement im Erzbistum Hamburg: „Ehrenamtliches Engagement ist Ausdruck [des] gemeinsa­men Priestertums“ (Erzbistum Hamburg 2015b) und in den Vorschlägen zur konkreten Umsetzung von Engagementförderung sind Begleitung (z. B. durch Mitarbeitergespräche) und Absprachen über die eigenver­antwortliche Gestaltung von Tätigkeiten genannt.

Koordination Ehrenamtlicher bedeutet, einen Rahmen zur Entwicklung des Ehrenamtlichen und der Organisation zu schaffen.

Dies wird etwa auch in den Konzepten zur Freiwilligenkoordination nicht-kirchennaher Einrichtungen deutliche: Für die Akademie für Ehren­amtlichkeit in Deutschland in Berlin (www.ehrenamt.de), die seit 1998 als Pionier Ausbildungsgänge zum Freiwilligenmanagement an­bie­­tet, ist „Freiwillige gewinnen, einführen, integrieren“ ein wichtiger Bestandteil des Basiskurses. Ein Tool hierzu sind Mitarbeitergespräche.

Die enge Verbindung zwischen Charismen und Freiwilligenmanage­ment, wird ebenfalls in einem Kurs des Erzbistums Köln in der Ausbil­dung zum Freiwilligenmanager benannt: „Personalentwicklung für das Ehrenamt: Jeder Mensch hat vielfältige Charismen. Besonders bei jun­gen Engagierten ist der Wunsch, sich im freiwilligen Engagement per­sönlich und fachlich weiterzuentwickeln, stark ausgeprägt. Wie erkennt man die – oft ungeahnten – Fähigkeiten eines/r Freiwilligen und wie kann man die Weiterentwicklung ermöglichen und begleiten? Wir wer­den uns bewährte Instrumente aus der Personalentwicklung anschauen und auf die Arbeit mit Ehrenamtlichen übersetzen“ (Erzbistum Köln 2015b).

Vom Ausgangspunkt der Charismenorientierung herkommend, schließt sich der Vorschlag von Stefan Moosburger zu Zielvereinbarungen als In­strument der Charismenorientierung in einer „Charism first Strategie“ nahtlos an (Moosburger 2014, 407).

Zusätzlich haben sich kirchliche Kurse zur Ehrenamtskoordination wei­terentwickelt und das Thema Charismenorientierung ausgebaut. Wenn Engagierte, die ihr Charisma entdeckt haben und dieses in einer Ge­mein­de einsetzen wollen, keine passenden Rahmenbedingungen und Aufgaben finden, werden sie sich andere passende Engagement-Orte suchen.

Zusammenfassend wird deutlich, dass Charismenorientierung und Freiwilligenkoordination kein Gegensatz sind, sondern sich gegenseitig weiterbringen. In dem Zusammenspiel von Charismenorientierung – Charismenkursen – Ehrenamtskoordination liegt eine große Chance der Kirchen, in dem Feld der Engagementförderung an Attraktivität zu gewinnen.

„Die schönste Erfahrung ist es jedoch zu entdecken, mit wie vielen verschiedenen Charismen und mit wie vielen seiner Geistesgaben der Vater seine Kirche erfüllt!“ (Franziskus 2014).