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Dem Himmel entgegen und wieder zurück

Erfahrungen mit einer „Himmelsschaukel“

Geborgen wie in Abrahams Schoß – eine wunderbare Vorstellung. Fast zu schön und kaum zu beschreiben, mit Worten allein schon ganz und gar nicht. Vielleicht dass es die Musik vermag, dass Klänge uns in der Tiefe unserer Seele so anrühren können, dass wir spüren, was es heißt, geborgen zu sein, zu sein wie in Abrahams und wie in Sarahs Schoß.
Wie aber wäre es, dieses wunderbare Sein am eigenen Körper zu spü­ren? Sich fallen zu lassen wie in eine offene Hand, die mich hält und mich schwingt, sanft und sicher und ausdauernd? Ich schließe die Augen und träume davon – und lande bei einer Schaukel, einem schaukelnden Nest, das an langen Seilen festgehalten ist und weit schwingt. Und das mich hält und trägt: dem Himmel entgegen und sicher wieder zurück.

© Bremische Evangelische Kirche. Amt für Öffentlichkeitsdienst.


Zwei 14 Meter lange, starke Seile, eine Nestschaukel aus dem Spiel­warenversand und an meiner Seite der hilfsbereite Küster, der in das Kirchengewölbe klettert und die Seile befestigt, sowie der fachkundi­ge Mitarbeiter vom TÜV, der sagt: „Das hält!“ – und schon ist die „Him­melsschaukel“ geboren, die seit Sommer 2017 immer wieder in der Evangelischen Stadtkirche Unser Lieben Frauen in Bremen schwingt, direkt neben den Stadtmusikanten.
Dazu ein Team von Ehrenamtlichen, die die Menschen an der Schaukel begrüßen, sie fragen, ob sie gerne in die bunten Farben des großen Kir­chenfensters hin­einschwingen möchten oder lieber in die andere Rich­tung, hinein in den weit offenen Kirchenraum. Ist die Entscheidung ge­troffen, dürfen es sich die Menschen in der Schaukel bequem machen und werden mit einer starken Bewegung weit in den Himmel geworfen. Zwei Minuten zeigt die Sanduhr daneben an – genug Zeit, sich ganz hineinzuspüren in das Erleben der Himmelsschaukel und doch auch den anderen das Vergnügen zu lassen, die in einer langen Schlange stehen und auf ihr Schaukelerlebnis warten.

Geschütztes Schwingen

Ja, es ist ein Vergnügen, sich in unserer Kirche schaukeln zu lassen. Und wenn einige fragen: „Darf das denn sein, ein Vergnügen in der Kirche?“, dann sagen wir gerne: „Vielleicht hat sie lange darauf gewartet.“ Und freuen uns mit dem Touristen, der vor der Kirche an den Stadtmusikan­ten steht, die Kirchentür im Blick hat und laut ruft: „Was ist in dieser Kirche los, die Leute kommen lachend und fröhlich plaudernd heraus.“

Dass das Vergnügen des Schaukelns in den Gedanken und Herzen der Menschen viel berührt, zeigt ein Blick in das Gästebuch, das an der Schaukel ausliegt. Da schreiben Menschen, was sie beim Schwingen gefühlt und erlebt haben. Und wir sind sprachlos und dankbar, dass das in unserer Kirche geschehen kann. Der Mann mittleren Alters zum Beispiel schreibt, wie er seit zwei Jahren auf seinen Reisen Kirchen besucht und Kerzen anzündet und versucht, seinen verstorbenen Vater loszulassen. „Hier“ – so schreibt er – „ist es mir gelungen.“ Die Eltern, die ihr Kind bringen, das mit einer Krankheit nur ganz gekrümmt gehen kann. Und die erleben, wie sich die Muskeln des Kindes beim weiten Schwingen in der Schaukel lösen und es mit ausgestreckten Armen strahlt und lacht. Keiner der Wartenden besteht noch auf den verabre­deten zwei Minuten, weil doch alle spüren: Hier geschieht etwas Gro­ßes, das man so nicht „machen“ kann, das eben einfach geschieht. Wie wunderbar!

Das ist auch der Grund, warum es in der Kirche trotz der manchmal 20 bis 30 wartenden Menschen nicht laut ist. Die Menschen nehmen wahr, was geschieht, und schützen das Erlebnis des Schaukelns mit ihrem Schweigen. Damit ist uns eine der Sorgen genommen, die wir uns im Voraus gemacht haben: dass nämlich das Schaukeln eine Unruhe in die große alte Stadtkirche bringt, die die anderen Besuchenden empfindlich stören könnte.
Ganz im Gegenteil schwingt die Schaukel wie ein großes Pendel im hohem Chor hinter dem Altar und verbreitet eher einen Moment der Meditation als der Unruhe.
Auch hier: Es geschieht etwas bei uns, was wir gar nicht geplant hatten, auch nicht planen konnten. Denn wer kann schon wissen, was ge­schieht, wenn man eine Schaukel in der Kirche aufhängt? Denn wenn man der BILD-Zeitung Glauben schenkt, ist die Bremer Stadtkirche – so die Schlagzeile am ersten Tag des Projektes im Juli 2017 – die „erste Kir­che mit Schaukel im Altarraum“.
Inzwischen denke ich oft: Eigentlich bräuchte jede Kirche eine Schaukel, ist doch die Botschaft, dass wir gehalten und geborgen sind in Gottes Hand, eine der Grundfesten des Glaubens und mit Worten allein kaum zu begreifen.

© Bremische Evangelische Kirche. Amt für Öffentlichkeitsdienst.


­Nicht jede Kirche bietet allerdings die Voraussetzungen dafür, da haben wir in Unser Lieben Frauen einfach Glück gehabt. Denn viele Löcher im Gewölbe der alten Kirche, in den 70er Jahren zur Verbesserung der Akustik in das hohe Gewölbe gebohrt, luden geradezu ein, zwei Seile hindurchzuziehen und an einem festen Balken auf dem Kirchendach zu befestigen. Das Gewölbe selbst, bei dem Stein für Stein in alter Bau­kunst sich selber hält, dürfte nicht mit solch einer Zugkraft belastet werden. Und auch der weite und freie Chorraum, gesäumt von sieben großen bunten Fenstern des französischen Künstlers Alfred Manessier, lädt geradezu ein, den Boden zu verlassen und sich aufzuschwingen.

Geborgen wie in Abrahams und Sarahs Schoß

Wer denn der Künstler dieses Projektes sei, werden wir oft gefragt. Ich erzähle dann gerne, wie ich die Schaukel im Juni 2016 in der Jahrhun­derthalle in Bochum entdeckt habe – inmitten eines bunten und sehr weltlichen Programms zur „Nacht der Industriekultur“. Und während um die Schaukel herum ein buntes Treiben herrschte, blickten die Men­schen in der Schaukel geradezu beseelt. Und mir war klar: Das möchte ich in unserer Kirche erleben. Der Künstler des Projektes allerdings ist in meinen Augen ein anderer und zwar kein geringerer als der Schöpfer allen Lebens: Gott selbst. Dieses Gehaltensein ist für mich etwas Gött­liches, Teil und Ausdruck des Schöpfungswunders, die Bewegung, mit der das beginnende Leben im Leib der Mutter seinen Weg in die Welt findet. Und das mag auch der Grund sein, warum so viele Menschen sehr berührt sind, wenn sie die Schaukel wieder verlassen. Sie haben erlebt, was am Anfang ihres Lebens stand, sie in der Kindheit noch zu ihrer Freude begleitet hat und dann verschwunden ist aus ihrem Leben: das Sich-fallen-Lassen und Gehaltensein, das In-den-Himmel-geworfen-und-sanft-aufgefangen-Werden, das Geborgensein im Schoß der Mutter und des Vaters. Eine Ur‑Erfahrung also, die Halt gibt und Vergewisse­rung. Und darüber hinaus einfach Freude macht.

© Bremische Evangelische Kirche. Amt für Öffentlichkeitsdienst.


Freude haben wir auch daran, zu beobachten, wie die Schaukel ein munteres Eigenleben führt und tut, was wir nicht vermutet hätten: So unterscheidet sie zum Beispiel neugierige Menschen („Wie schön, eine Schaukel in der Kirche!“) von behutsamen Menschen („Darf man das denn hier in der Kirche?“) oder auch Frauen von Männern, die sich eher selten in die Schaukel legen, wohl weil sie das Gefühl haben, den festen Stand nicht aufgeben zu dürfen. Und die, wenn sie es dann doch tun, umso glücklicher erzählen, wie schön diese Erfahrung ist.

Ein Eigenleben führt unsere Schaukel auch, indem sie sich selbst ein­bringt etwa in die Gestaltung von Gottesdiensten. Ursprünglich geplant für nur einen Monat im Sommer 2017, wo sie in einem Projekt „Himmel und Hölle“ zum Reformationsjubiläum als Himmelsschaukel eine Di­men­sion von „Himmel“ eröffnen sollte, mischt sie sich nun immer wie­der selber ein. Denn nach so kommunikativen und berührenden Erleb­nissen mit diesem Projekt war es fast schon selbstverständlich, dass die Schaukel auch im großen Festgottesdienst zum 500. Jahrestag der Re­formation am 31. Oktober 2017 mitschwingen würde. Wie könnte man besser deutlich machen, was es mit dem festen Fundament des Glau­bens auf der einen Seite und der Freiheit des Glaubens auf der anderen Seite auf sich hat, als mit einer Dialogpredigt, die von der Kanzel und aus der Schaukel heraus gehalten wurde? Ich durfte schwingen und hörte interessiert, wie mein Kollege mich darauf hinwies, dass das von mir wegen seiner Freiheit und Weite so geliebte Objekt zwischen vier starken und feststehenden Säulen aufgehängt ist. Und wir gemeinsam erkannten: Wo die Grundfesten unseres Glaubens stark sind und uner­schütterlich, da hat unser Glaube Raum und Weite, befreit zu schwin­gen und uns zu beleben.

Spätestens, nachdem sich die Schaukel nun auch in eine Predigt einge­mischt hat, werden die Stimmen leiser, die der Schaukel und unserer Freude daran das Prädikat „Theologie light“ angehängt haben. Wer allerdings dabei bleiben möchte, dass er ein solch beschwingtes Projekt in einer alten Stadtkirche allzu leicht findet, der darf wissen, dass wir gerade das als Auszeichnung verstehen. Denn die unfassbar große und heilsame Botschaft von der Liebe Gottes in einer leichten, sogar be­schwingten Form der Verkündigung spürbar werden zu lassen, bringt eine große Lebendigkeit in die Kirche und allen, die daran beteiligt sind, ein geradezu himmlisches Vergnügen.

Die Schaukel

Sie trägt dich.

Sie hilft dir, Dinge aus verschiedenen Blickrichtungen zu sehen.

Sie macht dich für einen Moment schwerelos.

Sie holt dich immer wieder zurück.

Sie lehrt dich zurückzulassen.

Sie bewegt dich.

Sie verschafft dir Überblick.

Sie gleicht dich aus.

Sie ist dir gerecht.

Sie lässt den Wind dich spüren.

Sie bringt dich dem Himmel etwas näher.

(Text, den wir auf vier lange Fahnen geschrieben und an den vier Säulen im hohen Chor aufgehängt haben; Verfasser/in unbekannt)