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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

aus dem französischen Sprachraum kommt ein spannender pastoraler Ansatz, der in Deutschland noch viel zu wenig bekannt ist: die pastorale d’engendrement, im Deutschen meist wiedergegeben mit „Pastoral der Zeugung“ oder „zeugende Pastoral“. Das klingt erst einmal sperrig. Dahinter verbirgt sich keine neue pastorale Methode oder Strategie, sondern ein Stil oder eine Haltung, die das Leben aus der Perspektive des Evangeliums in den Mittelpunkt stellt. Sie versteht sich als andere Weise, die pastorale Beziehung zu leben, nämlich indem der jeweilige Adressat der Verkündigung in die Verkündigung einbezogen wird (Christoph Theobald spricht hier vom Prinzip der Pastoralität). In der Begegnung zwischen Menschen kann die Frohe Botschaft vom radikalen Gutsein des Lebens wirken und sich der basale Lebensglaube an dieses Gutsein des Lebens entfalten. Durch menschliche Präsenz, die den anderen nicht schon für eine bestimmte Aufgabe vereinnahmen will, sondern ihn mit seinen eigenen Kräften den Weg gehen lässt, wird gewissermaßen Leben gezeugt.

Die pastorale d’engendrement interessiert sich in erster Linie gar nicht für die kirchlichen Ressourcen und Aufgaben, für Mitglieder, Personal, Gebäude, gesellschaftlichen Einfluss. Sie hat ein „wirkliches Desinter­esse am Erhalt der Institution“ (Jean-Marie Donegani). Es geht ihr also nicht darum, Mitglieder zu gewinnen, sondern um Aufmerksamkeit für die einzelnen Subjekte, ihre Entwicklung und Beziehung, unabhängig von ihrer kirchlichen Zugehörigkeit. Kirche entsteht im Interesse dafür, dass Menschen zum Glauben an das Leben kommen, wenn sich das Leben in der Perspektive des Evangeliums neu aufschließt. Dadurch kommt es zu einer Haltung des „Frei gebens“ – so der (dieser Ausgabe von euangel den Namen gebende) Titel eines Bandes von Reinhard Feiter und Hadwig Müller (2012), die den Gedanken einer zeugenden Pastoral im deutschsprachigen Raum aufgenommen haben.

Zum Auftakt des Schwerpunktteils dieser Aufgabe kommt Christoph Theobald zu Wort mit einem längeren Ausschnitt aus seinem Buch „Hören, wer ich sein kann“ (2018), in dem er den theologischen Hinter­grund der pastorale d’engendrement knapp skizziert. Danach beschreiben Hadwig Müller und Reinhard Feiter ihr Verständnis der pastorale d’en­gen­drement – Hadwig Müller, indem sie die Begegnung mit dem ande­ren beschreibt, dessen Lebensglaube hinter dem Schutzschild der Gleichgültigkeit verborgen ist, und Reinhard Feiter, indem er zwei Ausgangsintuitionen der pastorale d’engendrement erläutert.

Sodann haben wir verschiedene Autoren gebeten, aus ihrer Perspektive darzulegen, was der Ansatz der pastorale d’engendrement für ihren Be­reich bedeuten könnte. Es tun dies Jan Loffeld für die Pastoral­theo­logie, Patrik Höring für katechetische Glaubensprozesse, Wolfgang Reuter für die Krankenhausseelsorge und Egbert Ballhorn für den Umgang mit der Schrift. Hubertus Schönemann kontrastiert die pastorale d’engen­dre­ment schließlich mit aktuellen Pfarreientwicklungsprogrammen aus Nordamerika. Eine Rezension von Christoph Theobalds „Hören, wer ich sein kann“ rundet den Schwerpunktteil ab (sein „Christentum als Stil“ wurde bereits in der letzten Ausgabe rezensiert).

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

Ihr