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Fresh X-Netzwerk: erste Jahrestagung

Fresh Expressions of Church: Diese neue Form von Kirche stößt auch in Deutschland auf immer mehr Resonanz. 150 Teilnehmer bei der ersten Jahrestagung übertrafen die Erwartungen des Fresh X-Netzwerks bei Weitem und zeigten, dass Fresh X konfessionsübergreifend ein span­nendes Thema sind.

Missional – kontextuell – lebensverändernd – gemeindebildend: Die Fresh-X-Bewegung will insbesondere der Kirche Fernstehende und Nichtglaubende ansprechen und Schritt für Schritt zum Glauben führen (missional). Wesentlich ist dafür der Wechsel von einem „Komm-her“- zu einem „Geh-hin“-Denken: Nicht durch besser gestaltete Gottes­dienste o. Ä. sollen Menschen in die Kirche gelockt werden, sondern Christen gehen hinaus zu den Lebensorten der Menschen (kontextuell), bilden dort neue Gemeinschaften, die sich häufig an sozialen Bedürf­nissen orientieren, und laden von dort aus Menschen ein, den christ­lichen Glauben kennenzulernen (lebensverändernd). Auf die Dauer kann so eine christliche Gemeinde jenseits bisheriger kirchlicher Struk­turen entstehen (gemeindebildend).

Doch wie wird dieses Modell, das aus dem stark säkularisierten, pro­testantisch geprägten Großbritannien stammt, im deutschen Kontext und hier auch katholischerseits rezipiert? Dazu konnte man sich am 8. Februar 2019 in Kassel kundig machen. Das neue Format einer Jah­restagung des erst 2017 gegründeten Fresh X-Netzwerk e.V. ermög­lichte, in Gesprächen und Workshops mehr über Entwicklungen und einzelne Projekte zu erfahren, als es bei bisherigen Netzwerktreffen möglich war.

Zugleich bot der Ort – eine Jugendkirche – die passende Gelegenheit, auch die spirituelle Grundierung von Fresh X zu erleben, begonnen bei der Betrachtung eines Bibeltextes zu Beginn bis zum gemeinsamen Für­bittgebet zum Abschluss. Eine Band internationaler junger Musiker sang mit den Teilnehmenden Lobpreislieder.

Im Zentrum des Vormittags stand der Impulsvortrag von Prof. Michael Herbst vom Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeinde­entwicklung (IEEG) in Greifswald. Er beleuchtete den Fresh-X-Grund­begriff „lebensverändernd“ (engl. formational). Um Menschen zu einem „mündigen Christsein“ zu führen, sei es wichtig, sich persönlich in Menschen zu investieren; solche mündigen Christen wirkten sich dann auch positiv aus auf die Gemeinden und die ganze Gesellschaft. Herbst plädierte für „mixed methods“: Ein Lernen in Kursen und ein Lernen an der Praxis seien gleichermaßen legitim – und schließlich auch eine ge­wisse Gelassenheit: Wir müssten uns nicht mühsam zu Söhnen und Töchtern Gottes, sondern dürften uns mutig als Töchter und Söhne Gottes entwickeln.

Die Workshops am Nachmittag behandelten einerseits übergreifende Fragen (z. B. nach dem allgemeinen Priestertum oder der Motivation von Fresh-X-Gründern) und stellten andererseits konkrete Beispiele vor (z. B. Fresh X in Neubaugebieten oder Kirche Kunterbunt). So gab Pfar­rer Martin Brändl von der württembergischen Landeskirche Einblicke in bereits bestehende Fresh X in seiner Region und stellte die Frage nach dem Miteinander von herkömmlichen Gemeinden und neuen Gemein­deformen. Es sei nicht wichtig, dass eine Gemeinde eine bestimmte Form hat, sondern dass sie Gemeinschaft mit Christus ist. Die mixed economy der verschiedenen Gemeindeformen könne man komplemen­tär als geteilte Suche denken.

Anders als viele Fresh X hat das überkonfessionelle Netzwerk All for One in Fulda keinen sozial-diakonischen Hintergrund (will diese Grunddi­mension von Kirche aber zukünftig stärker in den Blick nehmen). Mit Events im neocharismatischen bzw. Gebetshaus-Augsburg-Style will die Initiative, die Freikirchler und Katholiken zusammenführt, gezielt jungen Menschen helfen, den christlichen Glauben neu für sich zu entdecken. Gründer Björn Hirsch berichtete auf der Jahres­tagung vom überraschenden Erfolg der angebotenen Veranstaltungen, der freilich auch auf dem großen Einzugsbereich weit über Hessen hin­aus beruht.

Außerdem wurde parallel zu den Workshops auch Speed-Coaching an­geboten: In einer halben Stunde konnte man für eigene Projektideen Rat von erfahrenen Praktikern einholen.

Erfreulich war die relativ starke katholische Beteiligung an der Jahres­tagung, ist die Fresh-X-Bewegung in Deutschland doch nach wie vor überwiegend evangelisch geprägt. Fresh X sind aber ein interessantes und inspirierendes Modell auch für den katholischen Bereich. Freilich zeigten sich im ökumenischen Austausch auch viele gemeinsame Fra­gen, die kritisch zu erörtern sind: Wie kann die Selbstbezogenheit und Missionsmüdigkeit etablierter Gemeinden (auch mancher freikirch­licher!) aufgebrochen werden? Mit welchem Missionsverständnis star­ten wir neue Initiativen und bringen uns in die Lebensräume der Men­schen ein? Warum wollen wir den christlichen Glauben säkularen Men­schen anbieten, die auch ohne Kirche ganz glücklich sind? Und wie schaffen wir ein gelingendes Miteinander von bestehenden und neuen Gemeindeformen? In welchem Verhältnis stehen Menschen, die über eine Fresh X Christ geworden sind, zur Verwaltungsstruktur der beste­henden Pfarreien?

Die Fresh-X-Jahrestagung in Kassel bot eine gute Gelegenheit, diese Fragen anzusprechen, neue Kontakte zu knüpfen und gemeinsam wei­ter an einer Kirche für alle Menschen (auch jenseits herkömmlicher kirchennaher Milieus) zu arbeiten.