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Christ sein in Westeuropa

Eine Studie des Pew Research Center

Das Pew Research Center ist ein nichtstaatliches Meinungsforschungs­institut mit Sitz in Washington D.C., das im Kontext des „Pew-Temple­ton Global Religious Future“-Projekts den religiösen Wandel und dessen Auswirkungen auf Gesellschaften weltweit analysiert (vgl. die 2014 in diesem Magazin vorgestellte Studie Die weltweite religiöse Landschaft). Im Rahmen dieses Großprojekts wurde Ende Mai 2018 eine Studie vor­gestellt, in der die religiöse Situation in Westeuropa genauer exploriert wurde. Dazu wurden rund 24.600 Personen über 18 Jahren in 15 Län­dern Westeuropas in Telefoninterviews zwischen April und August 2017 befragt. Durch eine Stichprobengröße von mindestens 1.500 Befragten pro Land ist die Studie national repräsentativ im Sinne der empirischen Sozialforschung. Einbezogen wurden die Länder Belgien, Dänemark, Deutschland, Großbritannien und Nordirland, Frankreich, Finnland, Irland, Italien, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden und die Schweiz, also fast ganz Westeuropa.

Der Clou der Studie besteht darin, dass zwischen praktizierenden und nicht praktizierenden Christen unterschieden wird. Unter praktizieren­den Christen werden Personen verstanden, die mindestens einmal im Monat einen Got­tesdienst besuchen; nicht praktizierende Christen im Sinne dieser Studie sind Personen, die sich selbst als Christen betrach­ten, aber nicht mehr als höchstens ein paar Mal im Jahr an einem Gottesdienst teilnehmen. Der Vergleich zwischen praktizierenden und nicht praktizierenden Christen, aber auch zwischen (praktizierenden oder nicht praktizierenden) Christen und Konfessionslosen ist dabei aufschlussreich.

Zunächst fällt jedoch auf, dass sich die Westeuropäer mehrheitlich als Christen sehen, obwohl Europa als eine der säkularsten Regionen der Welt gilt. 91 % der Befragten geben an, getauft zu sein, 81 % wurden als Christen erzogen, 71 % bezeichnen sich derzeit als Christen und 22 % nehmen monatlich oder öfter am Gottesdienst teil. Der Anteil derer, die sich als Christen bezeichnen, ist am höchsten in Portugal (83 %), Irland, Italien und Österreich (jeweils 80 %) und am niedrigsten in den Nieder­landen (41 %). Spiegelbildlich verhält es sich mit der Zahl der Konfes­sionslosen (diejenigen, die sich als Atheisten, Agnostiker oder als keiner bestimmten Religionsgemeinschaft zugehörig bezeichnen): Sie ist in Irland, Italien und Portugal am niedrigsten (jeweils 15 %) und am höchsten in den Niederlanden (48 %). Deutschland liegt hinsichtlich der Zahl der insgesamt sich als Christen Bezeichnenden (71 %), der praktizierenden Christen (22 %) als auch der Konfessionslosen (24 %) jeweils nahe des mittleren Werts für Gesamteuropa (zwischen West- und Ostdeutschland wird hier nicht unterschieden). In den meisten westeuropäischen Ländern stellen die nicht praktizierenden Christen die größte Gruppe dar (der europäische Median liegt bei 46 %), mit nur drei Ausnahmen: In Italien sind praktizierende und nicht praktizierende Christen gleich stark (je 40 %), und in den Niederlanden sowie in Norwegen gibt es mehr Konfessionslose als nicht praktizierende Christen (Niederlande: 48 % vs. 27 %, Norwegen: 43 % vs. 38 %).

Dass sich 71 % der deutschen Bevölkerung als Christen ansehen, mag erstaunen, da der Wert deutlich über den bekannten statistischen An­gaben liegt. Nach den Ende Juli 2018 turnusmäßig veröffentlichen Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) gehören 54,2 % der deutschen Bevölkerung einer der beiden großen christlichen Kirchen an (26 % EKD, 28,2 % Katholiken; Stand Ende 2017); nimmt man die evangelischen Freikir­chen, die orthodoxen Kirchen sowie Angehörige anderer christlicher Kirchen oder christlicher Gemeinschaften hinzu, kommt man auf etwa 57 %. Die Differenz zu den in der Pew-Studie genannten 71 % erklärt sich aus verschiedenen Gründen:

a) Dort wurden Erwachsene ab 18 Jahren befragt; hätte man Kinder und Jugendliche einbezogen, wären die Zahlen geringer ausgefallen.

b) Möglicherweise bezeichnen sich auch Menschen als Christen, die offiziell gar keiner christlichen Kirche (mehr) angehören; gefühlte und tatsächliche Mitgliedschaft können also auseinanderfallen. Über die genaue Stärke dieses Effekts lässt sich anhand der mitgeteilten Daten allerdings nur spekulieren.

c) Dass dieser Effekt jedoch nicht nur ganz marginal ist, lässt ein weite­rer Aspekt vermuten, der mit der Fragemethodik zusammenhängt. Zur Messung der religiösen Identität wurde in der Pew-Studie die Frage ver­wendet: „Welcher Religion fühlen Sie sich derzeit zugehörig, wenn überhaupt? Sind Sie Christ, Moslem, Jude, Buddhist, Hindu, Atheist, Agnostiker oder gehören Sie einer anderen bzw. keiner bestimmten religiösen Gemeinschaft an?“ Diese Fragestellung kann zu einer höhe­ren Selbstbezeichnung als Christ etc. führen im Vergleich zu Studien, in denen mit einem zweistufigen Ansatz gearbeitet wird (d. h. zuerst die Frage: „Fühlen Sie sich einer bestimmten Religion oder Konfession zugehörig?“, bei „Ja“ folgt die Auswahl aus einer Liste von Möglich­keiten). So etwa identifizierten sich in der European Value Study (ESS) von 2014, die nach dem zweistufigen Ansatz verfährt, in den Niederlän­dern 31 % der Befragten als Christen, während es bei der Pew-Studie die bereits berichteten 41 % sind.

Auch die 22 % praktizierenden Christen, die für Deutschland genannt werden, sind eines kurzen Blickes würdig. Bei der Präsentation der Kir­chenstatistik 2017 der DBK wies der Sekretär der Deutschen Bischofs­konferenz darauf hin, dass das Verfahren zur Ermittlung der Got­tes­dienstteilnahmequote (Zählung an zwei normalen Sonntagen) einen Nachteil habe: Es erfasse nicht diejenigen Gläubigen, die zwar nicht jeden Sonntag, wohl aber häufiger oder ab und zu kommen und so ebenfalls praktizierende Gläubige seien. Damit hat der Sekretär natür­lich völlig Recht (wobei dahingestellt sein mag, ob es sinnvoll ist, ein Messverfahren zu problematisieren, das nicht unbedingt einen punk­tuell interessierenden Wert erbringt, sondern einen validen, sich über Jahrzehnte erstreckenden Längsschnittvergleich ermöglicht – der frei­lich seit Beginn der Messung stetig sinkende Zahlen liefert und dieses Jahr erstmals einen Wert unter 10 %), und seine Aussage konvergiert mit dem Ansatz der Pew-Studie, als praktizierende Christen diejenigen zu fassen, die mindestens einmal im Monat am Gottesdienst teilneh­men. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass die Zahl von 22 % prak­tizierender Christen aus mehreren Gründen nicht direkt mit der Gottes­dienstteilnahmequote verglichen werden kann: Sie bezieht sich auf alle christlichen Konfessionen, sie bezieht sich auf alle Erwachsenen ab 18 Jahren (es ist also anders als bei der Teilnahmequote als Grundge­samtheit die gesamte Bevölkerung zugrunde gelegt, jedoch unter Aus­schluss von Kindern und Jugendlichen) und sie stellt einen erinnerten Wert dar, der das tatsächliche Verhalten (die faktische Teilnahme am Gottesdienst) überschätzen kann.

Die Leitfrage der Pew-Studie thematisiert die christliche Identität in Europa und kommt zu dem Ergebnis, dass sie nach wie vor ein religiö­ser, sozialer und kultureller Marker ist. Und dies gilt eben auch für die nicht praktizierenden Christen. Christliche Identität ist also nicht ein­fach als „nominelle“ Identität ohne praktische Bedeutung zu verstehen. Als zentrales Ergebnis wird zusammengefasst: „Die Mehrheit der Chris­ten in Westeuropa sind nicht praktizierend, unterscheiden sich aber von konfessionslosen Menschen in ihren Ansichten über Gott, ihren Einstel­lungen gegenüber Muslimen und Einwanderern und ihren Meinungen in Bezug auf die Rolle der Religion in der Gesellschaft“ (Pew Research Center 2018, 5). Die Ansichten nicht praktizierender Christen unter­scheiden sich aber nicht nur von denen der Konfessionslosen, sondern auch von denen der praktizierenden Christen:

  • Viele der nicht praktizierenden Christen geben z. B. nicht an, dass sie an Gott glauben „wie in der Bibel beschrieben“, sie glauben aber mehrheitlich (51 %) „an eine höhere Macht oder spirituelle Kraft“. Praktizierende Christen glauben dagegen überwiegend an Gott, „wie er in der Bibel beschrieben wird“ (64 %). Konfessionslose wiederum glauben in der Mehrheit nicht an eine höhere Macht oder spirituelle Kraft, nur 28 % äußern hier ihre Zustimmung.
  • Nicht praktizierende Christen äußern mehr positive als negative An­sichten über die Rolle von Kirchen und religiösen Organisationen in der Gesellschaft, etwa dass „sie die Moral in der Gesellschaft schüt­zen und stärken“, dass „sie die Menschen zusammenbringen und gesellschaftliche Bande stärken“ und dass „sie eine wichtige Rolle bei der Hilfe für Arme und Bedürftige spielen“. Sie tun dies weniger dezi­diert als praktizierende Christen, aber deutlicher als Konfessionslose. So z. B. stimmen in Deutschland 62 % der nicht praktizierenden Christen der Aussage zu, dass Kirchen und andere religiöse Organisa­tionen eine wichtige Rolle bei der Hilfe für Arme und Bedürftige spielen, bei den praktizierenden Christen sind es sogar 73 % – im Vergleich zu weniger als der Hälfte der Konfessionslosen (41 %).
  • Die überwiegende Mehrheit der nicht praktizierenden Christen wie der Konfessionslosen befürwortet gesetzlich erlaubte Abtreibungen in allen/​manchen Fällen (85 % bzw. 87 %) und gleichgeschlechtliche Ehen (80 % bzw. 85 %). Praktizierende Christen haben zu diesen Fra­gen eine konservativere Haltung, äußern aber in beiden Fällen mehr­heitlich Zustimmung (52 % bei Abtreibungen, 58 % bei gleichge­schlechtlichen Ehen).
  • Fast alle der praktizierenden Christen geben an, ihre Kinder als Chris­ten zu erziehen (97 %), bei den nicht praktizierenden Christen ist dies immer noch eine überwältigende Mehrheit (87 %), bei den Konfessionslosen sind es hingegen nur noch 9 %.

Besonders bemerkenswert sind die Daten zu Nationalismus und Frem­denfeindlichkeit. Als durchgängiges Muster ist dabei festzustellen, dass Christen eher als Konfessionslose ablehnende Einstellungen zu Einwan­derern und Minderheiten sowie nationalistische Ansichten äußern; dies gilt für praktizierende Christen meist noch stärker als für nicht prakti­zierende. So etwa ist es in der Gesamtbevölkerung zwar immer eine Minderheit, die Einwanderer aus dem Nahen Osten für nicht ehrlich hält (26 %), für die Reduktion der Einwanderung plädiert (38 %), den Islam für grundsätzlich nicht vereinbar mit ihrer nationalen Identität und ihren nationalen Werten ansieht (42 %) oder nicht bereit wäre, Juden bzw. Muslime als Familienmitglieder zu akzeptieren (17 % bzw. 24 %). Differenziert man zwischen den Gruppen, so sind beispielsweise 40 % der praktizierenden und 37 % der nichtpraktizierenden Christen, aber nur 28 % der Konfessionslosen dafür, Einwanderung zu reduzie­ren. Dabei neigen Konfessionslose, die als Christen aufgewachsen sind, eher dazu, Muslime zu akzeptieren, als solche, die immer konfessions­los waren.

Das gleiche Schema tritt auch bei den Fragen zu Nationalismus auf: Der Aussage „Unser Volk ist nicht perfekt, aber unsere Kultur ist anderen überlegen“ stimmen 54 % der praktizierenden und 48 % der nicht praktizierenden Christen zu, aber nur 25 % der Konfessionslosen. Der Behauptung, dass die nationale Abstammung Voraussetzung sei, um auch wirklich die nationale Identität zu haben (also z. B. dass eine deutsche Abstammung sehr/​eher wichtig sei, um wirklich deutsch zu sein), stimmen fast drei Viertel (72 %) der praktizierenden, aber nur gut die Hälfte (52 %) der nicht praktizierenden Christen und 42 % der Konfessionslosen zu.

Weiterhin fällt auf, dass Protestanten deutlich islamfreundlicher als Katholiken eingestellt sind. 28 % der Katholiken sagen, dass es musli­mischen Frauen nicht gestattet sein sollte, religiös begründete Kleidung zu tragen, jedoch nur 17 % der Protestanten. 34 % (in Deutschland so­gar 51 %) der Katholiken sind nicht bereit, Muslime als Familienmit­glieder zu akzeptieren, während es unter den Protestanten nur 19 % (in Deutschland 16 %) sind. Und 27 % der Katholiken gegenüber 20 % der Protestanten geben an, sich aufgrund der hohen Anzahl an Muslimen „wie ein Fremder im eigenen Land“ zu fühlen. Eine Ausnahme stellt die Schweiz dar – hier äußern Protestanten stärker negative Ansichten über Muslime als Katholiken (die in der Schweiz zu einem hohen Teil selbst einen Migrationshintergrund haben).

Die Studie liefert eine valide Momentaufnahme zur religiösen Situation in Westeuropa und lässt viele weitere Differenzierungen nach Ländern zu. Auffällig sind die hohen Anteile an nationalistischen und fremden­feindlichen Ansichten, besonders unter den (im Sinne dieser Studie) praktizierenden Christen. Im Kontext bereits bekannter Phänomene sind diese Daten vielleicht nicht völlig überraschend, in ihrer Deutlich­keit erschrecken sie dennoch. Nun lässt sich aus der Studie keine kau­sale Beziehung zwischen (praktiziertem) Christentum und Fremden­feindlichkeit bzw. Nationalismus ableiten, sondern nur eine Korrelation zwischen beidem. Augenscheinlich gibt es unter den ehemals volks­kirchlich geprägten Regionen Westeuropas eine hohe Tendenz, sein Christentum stärker als Tradition des Gottesdienstbesuchs und der Gemeindezugehörigkeit und weniger als Botschaft der Nächstenliebe zu verstehen. Insofern legt die Studie den Finger in die Wunde: Gerade für Christen besteht die Herausforderung, das Christentum nicht bloß als kulturellen Faktor anzusehen, sondern als Botschaft des Evangeliums, der guten Nachricht für alle. Offensichtlich könnte man von den so genannten Konfessionslosen dazu einiges lernen.

Weitere Informationen finden sich auf der Website des Pew Research Center. Dort gibt es die gesamte Studie auf Englisch sowie eine umfangreiche deutsche Zusammenfassung.