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„Plattenbusiness“ missionarisch – „nebenan“ auf Rügen

„Da brauchen wir ja gar nicht mehr in die Kirche zu gehen, da haben wir ja die Kirche hier.“

Diese Worte stammen von einem Mann, der nichts mit Kirche und Glau­ben „am Hut hatte“, aber ein paar Christen in seinen Schreber­garten ein­lud und sich darüber freute, wie sie mit Gitarre Lieder von Jesus san­gen. Das war in der Anfangszeit von „nebenan“. Die damalige Pommer­sche Evangelische Kirche startete 2007 gemeinsam mit der Evangeli­schen Kirchengemeinde Bergen auf Rügen und unter Begleitung des In­stituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG) in Greifswald dieses Projekt, das inspiriert war von anglikani­schen Church-planting-Initiativen und mit dem man neue Wege in einem für den Osten Deutschlands typischen Umfeld erproben wollte.

Die Wahl fiel auf das Plattenbaugebiet Bergen Rotensee: Entkirchlicht. Entchristlicht. Ort sozialer Probleme und Spannungen. Über Rotensee rümpft man die Nase. „Hier wohnen die Assis und die Bekloppten.“ Oder: „Hier wohnen die Letzten.“ So drückten es Leute aus, die selbst hier leben. Diese zugegebenermaßen sehr subjektiven Einschätzungen lassen auf den ersten Blick nicht viel Raum für Positives. Wer heute von der „Platte“ hört, der denkt oft gleich an den „Homo Plattensis“: Alko­ho­li­ker. Hartz-IV-Empfänger. Problemfamilien. Aber auch wenn das als naheliegend erscheint, stimmt es doch nicht ganz. Denn auch Rotensee ist trotz einer gewissen Kumulation sozial Benachteiligter ein corpus permixtum von verschiedenen sozialen Milieus, also eben auch „Nor­malos“ und Mittelschichtlern.

Die Herausforderungen liegen auf der Hand. Da ist zum einen die Kon­frontation mit sozialen Problemen und die spürbare Abgrenzung derer, die von „den anderen“ sagen, sie seien die „Assis und die Bekloppten“. Zum anderen ist die DDR auch 25 Jahre nach der friedlichen Revolution noch in vielen Köpfen. Als ich einmal jemandem mit einem recht inten­siven DDR-Hintergrund von dem Halt erzählte, den ich bei Jesus habe, da war die Antwort: „Dafür bin ich noch zu rot!“ Und, mit einem Grund­ton der Selbstverständlichkeit: „Ich war auch mal im Konfirmandenun­terricht. Da hat der Pfarrer uns verprügelt. Da bin ich dann Kommunist geworden.“ Irgendwann gab es den großen Traditionsabbruch, der eine vollkommene Gleichgültigkeit gebar gegenüber allem, was nach Gottes­glauben auch nur roch. Da werden dann auch kaum mehr Fragen ge­stellt. Man lebt. Man stirbt. Punkt. Kirche spielte und spielt bei den meisten keine Rolle mehr. Als ich 2012 in Bergen ordiniert wurde, da bekam ich mit, wie ein Mann einem anderen über mich sagte: „Der ist jetzt zum Pfarrer geschlagen worden!“ Die gelangweilte Antwort des anderen: „Na, ich hab nichts dagegen.“

Nun ist diese Situationsbeschreibung wahrlich nichts Neues. Die Frage ist nur, wie reagiert Kirche darauf? „nebenan“ begreift sich als eine „fresh expression of church“ („neue Ausdrucksform gemeindlichen Lebens“: Eine „Fresh X“ ist eine neue Form von Gemeinde für unsere sich verändernde Kultur, die primär für Menschen gegründet wird, die noch keinen Bezug zu Kirche und Gemeinde haben). Es geht darum, in Rotensee und mit den Menschen, die dort leben, langfristig Kirche neu zu denken und zu leben. Allerdings bringt es zunächst nicht viel, in einem Umfeld, in dem Menschen in keiner Weise gewohnt sind, in die Kirche zu kommen, als erstes mit Einladungsflyern in der Hand durchs Viertel zu laufen und Menschen zum Gottesdienst einzuladen, selbst wenn er „mal ganz anders“ ist. Die Antwort kann dann so lauten: „Nee, mein Guter, das ist nichts für mich. Ich bin Heide!“

Vielmehr stehen Beziehungen im Mittelpunkt. Sie sind der erste Ort, an dem das Evangelium kommuniziert wird, nicht in wie auch immer gear­teten Veranstaltungen, zu denen man erst hingehen und mühsam Schwel­len überwinden muss. Wir lernen hier von Jesus selbst:

„Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ (Joh 1,14)

Mission bedeutet für uns Inkarnation, Menschwerdung, d. h. Sich-Hin­einbegeben und Eintauchen in die „Plattenkultur“. Deshalb ist unser Dienst nicht billiger zu haben, als dass wir als Team mitten unter den Menschen in Rotensee leben. Nebenan. Nur so können wir wirklich den Menschen nahe sein und zu einem Teil ihres Lebens werden. Das hat freilich seinen Preis. Denn man rückt den sozialen Problemen zum Teil so nahe, dass man es schwer hat, sich selbst Rückzugsräume zu schaf­fen. Aber andererseits ergeben sich auf diese Weise Kontakt- und Begeg­nungsmöglichkeiten, die man nicht hätte, würde man irgendwo außer­halb in einem netten Häuschen wohnen. Man trifft sich auf der Straße, im Einkaufsmarkt um die Ecke, in der Kneipe zum Mittagessen. Eben da, wo der Alltag sich abspielt.

Einer, der im Sozialismus groß geworden ist und mit dem ich einmal ein intensives Gespräch führte, drückte es überraschend so aus: „Ihr macht ja Mission. Das ist so, als wenn man in den Busch geht, nur dass es halt hier moderner ist.“ Er hat vermutlich recht. Denn tatsächlich fühle ich mich im Großen und Ganzen oft weniger als Pfarrer, sondern vielmehr als „Buschmissionar“, der mit anderen Buschmissionaren unterwegs ist. (Vielleicht entwickelt sich in meinem Kopf mehr und mehr ein et­was anderes Pfarrerbild: weniger der Amtsverwalter als vielmehr ein Evangelist und Hirte für Menschen, die weder zur Kirche gehören noch Christen sind, aber doch, wie jemand treffend formulierte, „Kandidaten des ewigen Lebens“. So sagte es dann auch mal ein Mann, der mir deut­lich machte, dass er „Heide“ sei, mit dem ich aber in seiner Küche Kaffee trank. Er stellte mich jemand anderem vor mit den Worten: „Das ist un­ser Pastor.“) Was uns als Team, als „Wie-Jesus-bei-den-Menschen-Woh­nende“ zusammenhält, ist unser wöchentliches Gebetstreffen, wo wir unsere Bekannten und Freunde „zu Jesus hintragen“ (vgl. Mk 2,1–12) und miteinander und mit Christus selbst im Abendmahl Gemeinschaft haben. Und dann staunen wir, wie feindselige Menschen zu Freunden werden und sagen: „Mit dir als Freund will ich es mir nicht verscher­zen!“ Oder wir staunen, wie ein einst glühender Gottesleugner plötzlich sagt: „Ich höre jetzt Kirchensender“, womit er den Evangeliumsrund­funk (ERF) meinte.

Man kann sich nun fragen, wie man Menschen erreicht, die nie in eine Kirche kommen und bei Hausbesuchen reagieren würden wie bei unver­hofften Besuchen einer bestimmten religiösen Gruppierung. Für uns war und ist die Antwort das, was wir gerne „missionarisches Grüßen“ nennen. Denn wie heißt es doch? Am Anfang (des Kennenlernens) war das Wort: „Guten Tag!“ Oder, kontextualisiert: „Moin!“ Der Gruß auf der Straße ist für uns so etwas wie ein missionarisches Prinzip geworden. Menschen erfahren sich als wahrgenommen, als gesehen und ebenso als wertgeschätzt. Sie sind es wert, dass man ihnen etwas Gutes auf dem Weg wünscht und sie dabei auch noch freundlich anschaut. Erstaunli­cherweise war und ist der Gruß auf der Straße ein erster Schlüssel zu den Herzen der Menschen. Viele haben wir auf diese Weise kennenge­lernt. So manche Freundschaft ist dadurch entstanden. So manches tiefgründige Gespräch hat sich ergeben. Menschen haben sich in der Folge auf den Weg des Glaubens gemacht.

Das „missionarische Grüßen“ ist ein erstes, aber beständiges Anklopfen an Herzenstüren (vgl. Offb 3,20). Entsteht dann tatsächlich ein Kontakt, eine Beziehung, dann fühlen wir uns oft in eine alte Geschichte hinein­versetzt: Emmaus (Lk 24,13–35). Es kommt zu Begegnungen, und wir laufen als Gesandte von Christus plötzlich mit. Und unsere erste Frage ist: Was bewegt dich auf deinem Weg (vgl. Lk 24,17)? Und dann kommt man ins Gespräch, hört Lebensgeschichten, oftmals von Zerbrechen, Hoffnungslosigkeit und einem Irgendwie-Durchwursteln durchs Leben. Und dann kommt auch Jesus zur Sprache. Unsere Hoffnung und unser beständiges Gebet ist, dass Menschen irgendwann – im Bilde gespro­chen – in Emmaus am Tisch sitzen, IHN erkennen und diese Begegnung ihr Leben heilsam verändert. So manch einer hat bereits gespürt, dass da auf dem gemeinsamen Weg im Herzen etwas zu brennen begonnen hat (vgl. Lk 24,32).

Um diese Frage geht es: Wie können Menschen Christus begegnen? Es geht nicht als Erstes darum, wie ich diesen oder jene „in die Kirche krie­ge“. Jesus selbst zeigt uns hier wieder die Richtung, wenn er zu seinen Jüngern sagt: „Wer jemanden aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf“ (Joh 13,20). Freilich sind wir nicht Christus. Aber Christus lebt in uns, ist mit uns. Und so geschieht es, dass mit uns Christus zu den Menschen kommt. Wer uns hereinlässt, der lässt IHN herein. Wir finden: ein außerordentlich spannender Gedanke! Einmal besuchte ich jemanden, den ich wie viele andere durch das „missiona­rische Grüßen“ kennengelernt hatte. Oft schon hatten wir über den Glauben gesprochen. Nun erzählte ich ihm von Ostern und dass Jesus lebt und uns heute auf verschiedene Weise begegnet, ob durch sein Wort oder in anderen Menschen. Die Antwort meines Gegenübers: „Vielleicht bist du derjenige. Ich denke schon lange darüber nach, ob das wohl Zufall war, dass wir uns getroffen haben. Vielleicht hat dich ja Gott zu mir geschickt.“

Solcherlei Beziehungen sind schwer sichtbar zu machen. „nebenan“ ist also weniger nach außen sichtbare Attraktion als vielmehr Dienst im Verborgenen. Und dennoch gibt es auch Sichtbares.

Da ist vor allem unsere alte Feuerwehr, ein Daimler-Benz, Baujahr 1975. Das Fahrzeug haben wir umgebaut zu einem mobilen Treffpunkt. Es ist nicht möglich, damit nicht aufzufallen. Man kann darin sitzen, es gibt eine nette Beleuchtung und im Winter sogar Heizung. Jede Woche ste­hen wir damit auf einem kleinen Platz inmitten von Rotensee. Wir sind einfach da. Und verteilen zu jeder Jahreszeit das beliebte Heißgetränk: Kaffee. Kostenlos. Regelmäßig bleiben 15 bis 20 Leute stehen, trinken mit uns Kaffee, und wir kommen ins Gespräch. Für viele ist die „neben­an“-Feuerwehr mittlerweile ein fester Treffpunkt geworden. Da kom­men Leute, die sonst nie ihren Fuß über die Schwelle einer Kirche set­zen würden, Leute, die nie etwas mit Kirche zu tun hatten oder seit Jahrzehnten der Kirche und dem Glauben den Rücken gekehrt haben. Einer von ihnen sagte einmal: „Was meinst du, warum ich immer zu euch komme? Weil ich mit euch reden will!“ Und umarmt mich. Ein anderer sagte kürzlich: „Ich hab niemanden, mit dem ich mal reden kann. Aber mit euch kann ich reden. Und ich überlege auch, ob ich wie­der in die Kirche gehe. Ich brauche irgendwie einen Halt. Ich hab den Halt verloren.“ Die „nebenan“-Feuerwehr ist also so etwas wie ein blechgewordener Ausdruck der Inkarnation Jesu, ein Ort mitten im Alltag, an dem das Evangelium kommuniziert wird und Menschen Christus begegnen können.

Die Feuerwehr ist sozusagen die Kirche hier. Hier in Rotensee. Und: Sie verschafft uns ein gewisses „Wohlwollen unter dem Volk“ (vgl. Apg 2,47). Einer sagte einmal: „Ich bin zwar Atheist, aber ich finde das richtig gut, was ihr macht!“

Die Feuerwehr eignet sich aber nicht nur zum missionarischen Kaffee­klatsch, sie ist auch Austragungsort unserer Kinderstunde einmal die Woche im Stadtpark von Rotensee. 15 bis 25 Kinder kommen regel­mä­ßig, mit denen wir spielen, singen und denen wir von Jesus erzählen. Schon wenn wir in den Park einbiegen, laufen die Kinder zusammen: „Die Feuerwehr ist wieder da!!!“ Ein Mädchen fragte: „Kommt Jesus heute wieder?“ Als wir bejahten, ballte sie ihre kleine Hand zu einer Siegerfaust und triumphierte: „Jaa!“ Anfangs beobachteten die Eltern der Kinder das eigenartige Geschehen mit dem roten Auto noch von ferne. Mittlerweile sind sie näher gekommen, sitzen mit in der Feuer­wehr und singen unsere Lieder mit: „Voll-, Voll-, Volltreffer, ja ein Voll­treffer Gottes bist du-hu!!“ Viele der Kinder haben so manches Schwere in ihren Familien zu ertragen. Da überrascht es oft nicht, wie anhänglich diese Kinder sind. Dem Gemeindepädagogen, der zum Team gehört und einen besonderen Draht zu den Kindern und Jugendlichen im Viertel hat, riefen die Kinder einmal zu: „Du bist unser Papa.“

Da mit der Zeit immer mehr Kinder kamen, haben wir ein paar Jugend­liche aus dem Viertel als Helfer engagiert. Sie tragen rote Shirts mit un­se­rem Logo drauf. Irgendwann fragten sie, ob sie nicht mehr wissen könnten über „Gott und so“. Wir schenkten ihnen Bibeln, und seitdem treffen wir uns jede Woche einmal, um miteinander Bibel zu lesen, zu singen und gemeinsam zu essen. Neben diesem Jugendbibelkreis gibt es noch zwei weitere kleine Gruppen, die sich in Wohnzimmern treffen. Eine Frau, die dazugehört, drückte es begeistert so aus: „Gott ist in un­serer Mitte und der schützt uns und der hilft uns!“

Auch wenn es, wie erwähnt, schwierig ist, Menschen überhaupt zu ei­nem Gottesdienst einzuladen und viele trotz beständiger Einladung nicht kommen, feiern wir trotzdem Gottesdienst. „Feierabend“ nennt er sich und ist, ähnlich wie die Feuerwehr, so etwas wie eine „öffentliche Anreizung zum Glauben“. Freilich ist das kein Gottesdienst mit einer für kirchlich sozialisierte Menschen geläufigen Liturgie. Wir treffen uns alle zwei Monate an einem Freitagabend in einem Nachbarschafts­zen­trum der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Zwischen 40 und 60 Leute finden den Weg dorthin. Meist keine, die sich von der Straße weg einladen lie­ßen, sondern unsere Freunde und Bekannten. Wir legen es nicht darauf an, eine perfekte Veranstaltung darzubieten. Vielmehr geht es um die Atmosphäre. Man sitzt auf Bierbänken, es gibt handgemachte Musik zum Mitsingen (das ist ganz wichtig!), lockere Moderation, eine kleine Aktion und eine Thema-Predigt („Feierabend“-Predigten sind unter www.nebenan-in-der-platte.de zu finden). Integraler Bestandteil des „Feierabends“ ist ein gemeinsames Essen, währenddessen man mitein­ander ins Gespräch kommt.

Der „Feierabend“ ist der Ort, an dem noch etwas anderes augenschein­lich wird: 10 bis 15 Leute sind es, die zur örtlichen Kirchengemeinde ge­hören, aber gerne den Blick über den Tellerrand nach Rotensee wagen und sich aktiv mit einbringen. Es entsteht ein fruchtbares Miteinander von Kirchengemeinde und „nebenan“: Kirchengemeindemitglieder wer­den sensibilisiert für missionarische Arbeit am Rand der Gesell­schaft, und wir finden als „nebenan“-Team in den Sonntagsgottes­diensten der Kirchengemeinde einen Ort zum Auftanken.

„Da brauchen wir ja gar nicht mehr in die Kirche zu gehen, da haben wir ja die Kirche hier.“

Was vor ein paar Jahren eher unbewusst über die Lippen eines Mannes im Schrebergarten kam, das ist für uns heute zu einem Lehrsatz gewor­den, der das Anliegen von „nebenan“ auf den Punkt bringt: Kirche bei den Menschen sein. Beginnend beim schlichten Da-Sein und Mit-Leben träumen wir also von Kirche als einer Hauskirche (vgl. Apg 2,46–47):

„Menschen treffen sich hier und dort – nebenan – in den Plattenbauwoh­nun­gen. Jesus Christus ist die Mitte ihrer Gemeinschaft. Sie teilen ihr Leben und ermutigen sich gegenseitig in der Nachfolge Jesu. Sie sind gastfreund­lich und bezeugen in ihrem Umfeld das Evangelium in Wort und Tat. Ver­schiedene Gruppen spiegeln die Vielfalt der Menschen aus Rotensee wieder und sind netzwerkartig verbunden. Sie kommen regelmäßig zu einem ‚Fest des Glaubens‘ zusammen.“

(Vision von „nebenan“)