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Los, los, los!

Die Hauskirche kafarna:um als Gemeinde neuen Typs

Mitten in der Aachener Innenstadt, nur einen Steinwurf vom Dom ent­fernt, existiert seit etwas über zehn Jahren kafarna:um. „Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene“ steht auf dem Plakat über den Fenstern. Und tatsächlich ist das Auffälligste an dieser Form von Ju­gendkirche zunächst, dass sie das urchristliche Ideal der Hauskirche neu für sich entdeckt hat. Auf anderthalb Etagen eines Pfarrheims finden sich Wohnküche, Gottesdienstraum, Tonstudio, Lounge und Garten mit Grillmöglichkeit. Von außen sieht das alles nicht unbedingt nach Kirche aus, drinnen wird jedoch gebetet, gesungen, über Gott und die Welt dis­kutiert und praktische Solidarität gelebt. Das alles institutionell gese­hen unter dem Dach einer fusionierten Großpfarrei, jedoch nicht ein­fach als „Pfarrjugend“, sondern als eigenständige Personalgemeinde mit Leitungsgremium, Jahresbudget und eigenem Gottesdienstprofil.

Im Windschatten der schweren Finanzkrise des Bistums Aachen Mitte der Nullerjahre war kafarna:um eher aus der Not heraus gegründet wor­den und hat seitdem vieler Voraussagen zum Trotz auch die Krise der Jugendkirchenbewegung überstanden.

Menschen zwischen 15 und 25, zwischen Schule, Ausbildung, FSJ, Stu­dium oder Berufseinstieg bilden heute eine bunte, kaum klar abgrenz­bare Gemeinschaft, eine Gemeinde neuen Typs. Mehrere Dutzend von ihnen beleben mit ihrem Schlüssel zu jeder Tages- und Nachtzeit die Räumlichkeiten, andere sind mal regelmäßig, mal sporadisch da und viele weitere empfinden sogar über die Distanz große Zugehörigkeit zu kafarna:um als prägendem Ort ihres geistlichen Lebens.

 

Wie sind junge Menschen in den vergangenen Jahren auf kafarna:um gestoßen? Auch wenn die Wege häufig sehr individuell geprägt sind, lassen sich vier hauptsächliche Zugänge beobachten:

Viele Jugendliche wurden von Freunden zum ersten Mal nach kafarna:um mitgebracht. Mira, die heute 18 Jahre alt ist und bereits im zweiten Jahr in Folge Verantwortung im Leitungsteam übernimmt, hat­te schon eine Weile über ältere Jugendliche aus einer befreundeten Fa­milie von kafarna:um gehört. Als dann ein Theaterprojekt auf die Beine gestellt wurde, übernahm sie eine kleine Rolle. Geprobt wurde in der Jugendkirche. Bald kam sie auch zu den Taizégebeten, musste danach jedoch schnell nach Hause, fuhr zu ersten Freizeiten mit. Geblieben ist sie vor allem, „weil einfach akzeptiert wurde, dass ich da war und es okay war, wenn ich zu schüchtern war, um selber was zu sagen. Man hat sich trotzdem gefreut, dass ich da war.“

Die jährlichen Ferienfahrten sind bis heute für viele Leute der Erstkon­takt mit kafarna:um. Jakob (17) erinnert sich, dass er damals in der Stadt jongliert hat – bis heute seine große Leidenschaft – und ihn einer der damaligen Leiter einer solchen Ferienfahrt einfach angesprochen hat, ob er nicht Lust auf Jonglieren am Meer hätte. Mehrere Ferienfahr­ten und viele weitere Aktionen später verbringt Jakob heute auch oft Zeit nach der Schule in kafarna:um und öffnet mit seinem Schlüssel auch vielen anderen die Räumlichkeiten. „Mir hat von Anfang an der Zusammenhalt hier gefallen und dass jeder Einzelne eine Rolle spielt“, sagt er auf die Frage, was ihn bewogen hat, Teil der Gemeinschaft zu werden.

Jedes Jahr gibt es in kafarna:um auch die Möglichkeit, sich auf die Firmung vorzubereiten. Als Alternative zu den meist mehrmonatigen Vorbereitungen in den umliegenden Pfarreien ist die Firmvorbereitung von kafarna:um ein Intensivkurs. Fünf Tage vor Ostern wird in einem Haus am Meer die Verbindung von Glauben und Leben sehr deutlich und ist für manche Jugendliche der Grund, warum sie auch nach der Firmung noch nach kafarna:um kommen. Die 17-jährige Luna nahm zunächst vor allem deshalb teil, weil die Vorbereitung besser in ihren Zeitplan passte, hat sich dann aber schnell wohlgefühlt und kam auch an den folgenden Ostertagen wieder – vor allem, weil sie hier auf Gleich­altrige traf. „Mit ihnen konnte ich ohne Angst, direkt in eine Schublade gedrängt zu werden, über meinen Glauben und meine Überzeugungen reden. Ich habe von ihnen schon oft Anstöße gekriegt, meinen Glauben zu hinterfragen, zu konkretisieren und damit zu festigen.“

Gelegentlich stoßen Menschen auch auf kafarna:um, weil sie aktiv nach Gottesdiensten für jüngere Leute gesucht haben. Oft sind dies Studie­rende, die neu nach Aachen kommen und beispielsweise eine Affinität zu Taizé haben. Dank guter Suchmaschinenoptimierung und hoher Ver­lässlichkeit des wöchentlichen Taizégebets wird kafarna:um für sie eine erste kirchliche Anlaufstation, in der sie zunächst einmal das Bedürfnis nach einem zu ihnen passenden Gottesdienst befriedigen. Für manche ist das schon vollkommen ausreichend, andere nehmen darüber hinaus dann auch intensiver am Leben in der Hauskirche teil.

Fast alle, die sich kafarna:um zugehörig fühlen, erzählen davon, dass sich ihr Bild von Kirche durch die Erfahrung hier positiv verändert hat. Luna hat hier erlebt, dass es in der Kirche auch Raum für kritische Fra­gen gibt. „Kirche kann so sein, dass ich meinen Verstand nicht ausschal­ten muss, sondern ihn brauche, um einen gefestigten Glauben zu ha­ben.“ Jakob sieht seinen Glauben gerade dadurch gestärkt, dass er hier mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen an den Glauben kon­frontiert wird. Vor allem im service:intervall, dem monatlichen Wort­gottesdienst mit integriertem Abendessen, findet er für ihn relevante Themen wieder. Bei Mira hat der Kontakt mit kafarna:um das Interesse für Glaubensfragen überhaupt erst tiefer geweckt. „Manchmal weiß ich nicht, ob manche Sachen hier mir gefallen, weil sie halt gar nicht so kirchlich sind, oder ob sie nicht vielleicht gerade kirchlich sind und ich das bisher nur nie mit Kirche in Verbindung gebracht habe.“

Wie bei vielen Formen von Kirche, die sich dem weiten Feld der „fresh expressions“ zuordnen lassen, finden sich in kafarna:um überwiegend Menschen, die sich in klassischen kirchlichen Kontexten nicht wohlfüh­len oder bisher wenig bis keine Erfahrung mit Kirche hatten. So finden sich hier ehemalige Obermessdienerinnen, denen irgendwann die Gleichaltrigen in ihrer Wohnortpfarre fehlten, ebenso wie nicht getaufte Skeptiker, die deswegen früher immer frei bekamen, wenn die anderen zum Religionsunterricht mussten.

 

Vor einigen Jahren ist eine Serie von Aufklebern entstanden, die an­fangs nur dazu gedacht war, in der Community häufig benutzte Aus­drücke als kleines Give-away auf Schulordner und Handyhüllen zu transportieren und dadurch Zugehörigkeit zu stärken. Die Sprüche transportieren aber in radikal reduzierter Form auch die pastoralen Grundhaltungen, die kafarna:um charakterisieren.

Du bist großartig!

kafarna:um ist eine Gemeinde mit fluider Zugehörigkeit. Häufig sind Leute eine Zeit lang sehr intensiv dabei, manche auch nur ganz punk­tuell, einige aber auch über Jahre sehr konstant und hochengagiert. Wichtig ist, dass alle, die kommen, merken, dass sie sich nicht erst Meriten durch Engagement verdienen müssen. Sie können sofort ihre eigenen Ideen verwirklichen, sie können auch schon nach sehr kurzer Zeit für das Gemeindeteam kandidieren, sie müssen nie in irgendeiner Form Mitglied werden. Diese Vorgehensweise begründet sich aus einer Haltung, die sich auch im Menschenbild und der Praxis Jesu wiederfin­det. Unabhängig von gesellschaftlicher Leistung, Stand oder Lebensalter erkannte Jesus den immensen Wert jedes Menschen. Menschen, die er zu seinen Jüngern berief, hatten vorher keine besondere Leistung er­bracht und waren auch nicht unbedingt besonders fromm. Die Verwirk­lichung des eigenen Potentials legte er in die Verantwortung des Einzel­nen. In kafarna:um sollen junge Menschen deshalb erfahren, dass sie wertvoll sind und ihnen etwas zugetraut wird – und zwar unabhängig von der Dauer ihres Engagements.

 

 

wunder:voll

Anfangs war die Gründung von kafarna:um als Hauskirche eher aus der Not geboren, weil für ein großes Jugendkirchenprojekt in einem Sakral­raum das Geld und die Entscheidungsfreudigkeit von Verantwortlichen fehlten. Mittlerweile lässt sich erkennen, dass es ein großer Gewinn ist, in alltäglichen Kontexten Kirche weiterzuentwickeln und Glaubensfra­gen zu thematisieren. Wenn eben nicht nur der Gottesdienstraum „zur Kirche“ gehört, sondern auch die Küche, das Tonstudio und die Lounge, dann lässt sich, ignatianisch gesprochen, „Gott in allen Dingen suchen“. Die Hauskirche wird dadurch zum Raum, in dem Evangelium und alltägliche Existenz miteinander kreativ konfrontiert werden (Rainer Bucher).

 

 

Voll gut!

„Voll gut!“ ist ein Ausruf der Anerkennung und des Erstaunens über die erlebten Geschichten der anderen. Denn kafarna:um ist natürlich nicht der einzige Ort, an dem die Jugendlichen Glaubenserfahrungen ma­chen. Aber es ist vielleicht gerade der Ort, an dem sie davon erzählen können. In diesem Sinn lässt sich die Hauskirche vielleicht als eine Art religiöses Backpacker-Hostel verstehen. Hier treffen häufig Menschen aufeinander, deren Lebensreisen sich eher zufällig kreuzen. Abends sitzen sie am Tisch der Gemeinschaftsküche und erzählen sich, was sie auf ihren Reisen erlebt haben und welche Schlüsse sie für ihr Leben dar­aus ziehen. Dadurch inspirieren sie einander für die nächsten Etappen. Denn Hostels sind keine Einfamilienhäuser. Hier schläft man nur vor­übergehend. Das Volk Gottes muss weiterziehen.

 

 

Los, los, looos!

kafarna:um veröffentlicht kein Halbjahresprogramm. Die meisten Got­tesdienste finden nur statt, wenn sie auch jemand vorbereitet. Wenn es „so etwas noch nie hier gab“, ist das eher ein Grund, es auszuprobieren, als eine Idee abzulehnen. Auch in kafarna:um gibt es natürlich gewisse Verlässlichkeiten. Donnerstags ein schönes Taizégebet, Glaubens- und Firmkurse und eine Ferienfahrt im nächsten Sommer. Aber im Grunde ist auch bei diesen Dingen klar, dass sie nur so lange stattfinden, wie es Menschen gibt, die sich darum kümmern. Die Gemeinde lässt sich da­her als eine fluide Form von Kirche beschreiben, in der sich prinzipiell die konkreten Vollzüge auch alle ändern dürfen.

Deswegen versucht man in kafarna:um, nicht allzu lange zu warten, be­vor eine Idee realisiert wird. Wer weiß, ob Energie und Gelegenheit nächstes Jahr noch da sind? Wer weiß, ob nicht nächstes Jahr wieder das Geld vom Bistum alle ist? Das ist kein Aktionismus, sondern eine Kir­che, die sich beständig wandelt (ecclesia semper reformanda) und den Kairos nutzen will.

 

Aus der Erfahrung der Hauskirche kafarna:um lassen sich drei Empfeh­lungen für jugendpastorale Gemeindegründungen formulieren:

  1. Wer möchte, dass Jugendliche sich eine Kirche zu eigen machen, muss auch wirklich Verantwortung und damit Kontrolle abgeben können. Wenn Öffnungszeiten am Ende doch von der Präsenz eines Hauptamtlichen abhängen, werden sie sich immer nur zu Gast fühlen, aber die Räume nie wirklich als „ihre“ Räume annehmen.
  2. Die Bedürfnisse und Fragen der Jugendlichen bestimmen die Agenda. Gottesdienste und Glaubensgespräche, Feste und Feiern werden gefüllt von der aktuellen Lebenserfahrung und dann bereichert durch die Schätze der christlichen Tradition – und nicht umgekehrt. Sonst besteht die Gefahr, dass am Ende doch nur diejenigen kommen, denen der kirchliche Sprach- und Symbolcode sowieso noch vertraut ist. Aber ihre Freunde, die mit Kirche bislang nichts anfangen konnten, werden sie dann nicht mitbringen.
  3. Es muss leicht sein mitzumachen. Im durchgetakteten Bil­dungs­alltag ist das Erarbeiten eines ausführlichen Konzepts oder die Rückbindung an undurchsichtige Bistumsstrukturen oft so langwierig, dass die Ener­gien und Ressourcen längst verpufft sind, bevor sich etwas bewegt. Da­her: Nicht zu lange überlegen, sondern zügig an die Umsetzung gehen. Oder um es mit den Worten der Band Kettcar zu sagen: Irgendwann ist irgendwie ein anderes Wort für nie.