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Bullshit-Bingo, Kollegenbashing und frohe Ostern

So­ge­nann­te „Bull­s­hit-Bin­gos“ er­freu­en sich zu­neh­men­der Be­liebt­heit. Auf hu­mor­vol­le Wei­se ka­ri­kie­ren sie die Ver­wen­dung von Flos­keln, Phra­sen und Sprach­spie­len, deren Bedeutung nicht in ihrem Inhalt oder ih­rer Ori­gi­na­li­tät, sondern in der Selbst­af­fir­ma­ti­on inner­halb des ei­ge­nen Krei­ses liegt. Über Twit­ter mach­te San­dra Bils auf ei­ne ent­spre­chen­de Ver­si­on für Os­ter­pre­dig­ten auf­merk­sam. Im hier neu­ver­öf­fent­lich­ten Ein­trag aus ih­rem per­sön­li­chen Blog ver­ar­bei­tet sie die über­ra­schen­d em­pör­ten Re­ak­tio­nen.

An Os­tern pos­te­te ich bei Twit­ter ein Bild, das ich be­reits im letz­ten Jahr (in mei­nem Blog) ge­teilt hat­te. Ähn­li­ches hat­te ich an Weih­nach­ten 2012, an­läss­lich ei­nes Wet­ten-dass-Abends 2012 und ei­ner WWDC-Prä­sen­ta­ti­on von App­le 2013 ver­öf­fent­licht.

Es han­del­te sich da­bei um so­ge­­nann­te „Bull­s­hit-Bin­gos“ oder „Buzz­word-Bin­gos“, die Wi­ki­pe­dia fol­gen­der­ma­ßen de­fi­niert:

Buz­zword-Bin­go, in der spä­te­ren Ver­brei­tung auch Bull­s­hit-Bin­go […] ge­nannt, ist ei­ne hu­mo­ris­ti­sche Va­ri­an­te des Bin­go-Spiels, die die oft in­halts­lo­se Ver­wen­dung zahl­rei­cher Schlag­wör­ter in Vor­trä­gen, Prä­sen­ta­tio­nen oder Be­spre­chun­gen per­si­fliert.

Die­se Form der Sa­ti­re setzt sich dem­nach mit Red­un­dan­zen so­wie er­wart­ba­ren Wort­hül­sen und ge­präg­ten Aus­drü­cken aus­ein­an­der, die in be­stimm­ten Set­tings Bei­spie­le von Bin­nen­kom­mu­ni­ka­ti­on ver­deut­li­chen kön­nen. Der ge­präg­te Ter­mi­nus tech­ni­cus „Bull­s­hit-Bin­go“ be­zieht sich da­her nicht auf ei­ne Be­wer­tung des In­halts, son­dern eher auf die Art der Ver­mitt­lung und lie­fert ei­ne spie­le­ri­sche und au­gen­zwin­kern­de Wahr­neh­mungs­hil­fe.

Auf den oben ab­ge­bil­de­ten Post bei Twit­ter be­kam ich meh­re­re kri­ti­sche Nach­fra­gen.

Vie­le Rück­mel­dun­gen füh­re ich dar­auf zu­rück, dass viel­leicht nicht al­len der Aus­druck „Bull­s­hit-Bin­go“ ver­traut war und nicht deut­lich ge­nug er­sicht­lich war, dass ich kei­nes­wegs den In­halt der Os­ter­pre­dig­ten als „Bull­s­hit“ be­zeich­ne, son­dern al­lein die hu­mor­vol­le Sicht auf Kom­mu­ni­ka­ti­on die­sen (zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen et­was vul­gä­ren) Na­men trägt.

Aus den Kom­men­ta­ren las ich je­doch auch ei­ne iden­ti­fi­zier­te Be­trof­fen­heit her­aus (glei­cher­ma­ßen von Pre­di­gen­den und Zu­hö­ren­den). Man­che frag­ten in­ter­es­siert: „Wie machst du es (bes­ser)?“, an­de­re ver­mu­te­ten „Amts­bru­der­ba­shin­g“, wie­der an­de­re fan­den es „ge­schmack­los […] und un­ters­te Ebe­ne“.

Zu­erst: Ich ste­he auch selbst auf der Kan­zel. Oft kann man si­cher­lich auch bei mei­nen Pre­dig­ten schnell „Bin­go“ ru­fen, weil man auch mich schnell über­füh­ren kann, kei­nes­wegs wort­hül­sen­frei zu pre­di­gen. Das re­flek­tie­re ich durch­aus ehr­lich, schmerz­haft und klar. Fes­seln­de und kon­tex­tu­el­le Sprach­bil­der zu fin­den, ist und bleibt eben ei­ne Her­aus­for­de­rung und ho­he Kunst.

Da­her wun­dert es mich um­so mehr, war­um Pre­digt­kol­leg*in­nen und Pre­digt­zu­hö­rer*in­nen glei­cher­ma­ßen nun von die­ser Sa­ti­re in mei­nem Post so an­ge­fasst, be­trof­fen und viel­leicht so­gar ver­letzt wa­ren. War­um liegt es für Amts­brü­der und Amts­schwes­tern nä­her, dar­in ein nest­be­schmut­zen­des Kol­leg*in­nen­ba­shing zu deu­ten, als hu­mor­voll ein „Ist auch al­les nicht so ein­fach, lasst uns den­noch un­ser Bes­tes ge­ben“ zu le­sen? Und war­um wird die­se Sa­ti­re eher als „ge­schmack­los und un­ters­te Ebe­ne“ ge­deu­tet als als ein hu­mor­vol­les Rin­gen, die­sen wert­vol­len In­halt wür­dig und zeit­ge­mäß zu kom­mu­ni­zie­ren? Schlie­ß­lich, und das soll­te doch ei­gent­lich klar sein, bin ich so­wohl selbst pre­di­gen­de Kol­le­gin als auch Chris­tin, der dar­an liegt, die Auf­er­ste­hung Je­su best­mög­lich zu ver­kün­den.

Ich möch­te so­mit we­der Kol­leg*in­nen kri­ti­sie­ren noch den In­halt der Oster­bot­schaft. Was ich je­doch als Bull­s­hit im Sin­ne des Bull­s­hit-Bin­gos emp­fin­de, ist die gleich­för­mi­ge und er­wart­ba­re Spra­che in un­se­ren Oster­got­tes­diens­ten, die die Oster­bot­schaft ver­kün­digt. Nicht die Auf­er­ste­hung des Herrn ist ei­ne Wort­hül­se, wohl aber un­ser du­blet­ten­ar­ti­ges Re­den da­von. In vie­len Got­tes­diens­ten wird an die­sen Oster­ta­gen ex­akt das Glei­che ge­pre­digt wor­den sein. Dies füh­re ich nicht auf das ge­mein­sa­me Pro­pri­um „Ostern“, den ei­nen­den Hei­li­gen Geist oder das ge­ord­ne­te Pe­ri­ko­pen­sys­tem in Deutsch­land zu­rück, son­dern auf un­se­re Pre­digt­kul­tur (ak­tiv und pas­siv), die na­he­zu pla­gi­athaft Ver­satz­stü­cke an­ein­an­der­reiht.

Das Bull­s­hit-Bin­go per­si­fliert die „oft in­halts­lo­se Ver­wen­dung zahl­rei­cher Schlag­wör­ter“, so Wi­ki­pe­dia, da­her ist die Über­tra­gung in un­se­re Pre­digt­kul­tur de­mas­kie­rend und auf­schluss­reich, be­son­ders, wenn sie nicht bier­ernst, son­dern sa­ti­risch-hu­mor­voll da­her­kommt.

Viel­leicht ha­ben wir zu we­ni­ge Or­te, an de­nen wir uns über zeit­ge­mä­ße Ho­mi­le­tik aus­tau­schen kön­nen. So­wohl im erns­ten theo­lo­gi­schen Rin­gen als auch im au­gen­zwin­kern­den Schmun­zeln.

Nach­trag: Die „Gar­di­nen­pre­di­ge­rin“ hat ei­nen an­re­gen­den Post über das Ver­blas­sen tra­di­tio­nel­ler lit­ur­gi­scher Be­kennt­nis­for­meln an Ostern ge­schrie­ben. Die­se Ent­wick­lung scheint ja durch­aus in Ver­bin­dung mit den oben an­ge­spro­che­nen Wort­hül­sen zu ste­hen. Der Ab­bruch ge­präg­ter lit­ur­gi­scher Tra­di­tio­nen ge­schieht par­al­lel mit ei­ner Zu­nah­me all­ge­mei­ner ho­mi­le­ti­scher Ver­satz­stü­cke oder folk­lo­ris­ti­scher Oster­kul­tur.