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Vom Wandern und Wundern

Zur „W@nder“-Konferenz für Pionierinnen und Pioniere

Mit einem Kongress 2013 gaben die Evangelisch-lutherische Landeskir­che Hannovers und das römisch-katholische Bistum Hildesheim einer ökume­nischen Bewegung einen Namen: Kirche² entwickelt seither zunächst als Projekt, nun als grundständiges Arbeitsfeld beider Kirchen gemeinsam in verschiedenen Kooperationen und auf unterschiedlichen Ebenen über­kon­fessionelle Lernräume – z. B. in Gemeindegründer­kursen, experimen­tellen Veranstaltungsformaten und Begleit­prozes­sen. Immer im Blick: Eine Öku­mene der Sendung und die Frage nach der Zukunft der Kirche. Im Februar 2017 veranstaltete Kirche² mit „W@nder“ eine Konferenz für Pionierinnen und Pioniere. Maria Herrmann über die Geschichte(n) der Veranstaltung und das Wandern und Wundern in der Kirche.

Wanderfrust (Ein Warum)

Vermehrt findet man auch in der deutschen Kirchenlandschaft Spuren von Linksverkehr: In Blogeinträgen, auf Konferenzen und in Aufsätzen werden die in England unter dem Namen der Fresh Expressions of Church (vgl. für einen ersten Überblick: Lebendige Seelsorge 2013; Pompe 2016) auftauchenden, inspirierenden missionarischen Aufbrüche reflek­tiert. In Dekanaten und Kirchenkreisen, in Personalkonferenzen und auf Gemeindesommerfesten stellt sich die dazugehörige Ekklesiologie der Mission-shaped Church dann der deutschen Realität – die Idee einer Kir­che, die sich dem Wesen nach und grundlegend zunächst von „der ande­ren Straßenseite“, nämlich von ihrer Sendung her formt. Ein Kristalli­sa­tionspunkt der englischen Bewegung missionaler Gemeinde­gründun­gen war die Herausgabe eines Bischofsberichts, der unter dem Namen „Mission-shaped Church. Church Planting and Fresh Expressions of Church in a Changing Context“ im Jahr 2004 veröffentlicht wurde. Dort findet sich zum ersten Mal die Bezeichnung der Fresh Expressions of Church, was zeigt, dass beide Begriffe zusammengehören. Fresh Expressions of Church haben keinen Selbstzweck aus sich heraus (Inno­vation um der Innovation willen), sondern sind Konsequenz und Not­wen­digkeit in einer missionalen Kirchenentwicklung (eine deutsche, konfessionell evangelisch geprägte Übersetzung des Berichts findet sich in Herbst 2008; vgl. auch Moynagh 2016).

Dabei fragen sich nicht wenige: „Wie fangen wir an?“, und: „Was sollen wir sonst noch alles machen?“, während andere verlautbaren: „Das ma­chen wir doch schon“, und: „Das wäre bei uns nie möglich.“ Doch in den stillen Momenten der Diskurse vernimmt man leise Stimmen, die den Blick eröffnen auf eine andere Perspektive des Wandels der Kirche(n): Denn in den Transformationsprozessen der deutschen (Groß‑)Kirchen bilden die Gemütszustände der Agentinnen und Agenten des Wandels – jener Christinnen und Christen, die in Taufwürde und im Ehren- und Hauptamt Verantwortung übernehmen – die komplexen Reaktionsmus­ter auf pastorale Importgeschäfte ab: Inspiration und Skepsis, Motiva­tion und Zurückhaltung, Frustration und Aktionismus, Ahnung und Versuchung. Dazwischen überhört man jedoch beinahe jene Töne, die davon erzählen, wie wenig der eigene, derzeitige und konkrete Dienst, ob in einer ehrenamtlichen oder hauptamtlichen Berufung, mit dem zu tun hat, weswegen man damit einmal angefangen hat. Wie weit weg kirchliches und gemeindliches Leben vom eigenen Kontext und dem persönlichen Lebensraum entfernt ist. Wie sehr man sich dabei als Wan­dernde, als Wanderer zwischen den Welten fühlt. Wie fremd man (in) der Kirche (geworden) ist.

Doch was wäre, wenn wir genau in diesen leisen Zwischentönen – fern­ab von Best Practice und Zielgruppenanalysen, Projektmanagement und Pastoralreisen – einen Nukleus des Wandels finden können? Und in jener üblicherweise als blockierende Kraft empfundenen Fremde eine Res­sour­ce entdecken, die regenerative Energie für Christinnen und Christen, für ihre Vergemeinschaftung mit anderen und damit auch für die Kirche freisetzt? Eine pfingstliche Dynamik, die uns neue Sprachen lehrt? Was, wenn dieses Wandern vielmehr Wundern und Wunder ist? Wenn die emp­fundene Fremde einen transformierenden Kern unseres Kircheseins und ‑werdens bildet? Wenn sie eine missionale Ahnung ist, die stellvertre­tend für die ganz anderen steht?

Einmal mehr finden wir auch dazu hilfreiche Gedanken in England, denn Bob Hopkins – einer der Gründereltern der Fresh-Expressions-Bewegung – konnotiert dieses Gefühl der Fremde positiv und macht aus jenen, die fremdeln, Akteurinnen und Akteure des Wandels: Als soge­nannte „loya­le Radikale“ (Hopkins 2017) sind diese Wandernden und Wundernden diejenigen, die aus Loyalität und Sendungs­bewusstsein neue Orte und neue Menschen im Sinne einer christlichen Sendung entdecken (kön­nen). Der Leiter des Ausbildungsprogramms für Pio­nierin­nen und Pio­nie­re der Church Mission Society in Oxford, Jonny Baker, benennt das so zur Sprache gekommene Charisma als „gift of not fitting in“ – als Ge­schenk und Gabe, nicht in das Bestehende zu passen. Diesem Charisma widmet er zusammen mit seiner Kollegin Dr. Cathy Ross einen Sammel­band, in dem sie verschiedene Erfahrungen von Gemeindegründerinnen und Gemeindegründern zusammentragen und theologisch reflektieren (Ross/‌Baker 2014). Dieses Buch war aus­schlag­gebende Inspiration für unsere Gedanken­gänge zu w@nder, die schließ­lich in die Konferenzorga­ni­sation und die Herausgabe einer deutschen Variante des Buches führten.

Mit dem Wissen um die englischen Erfahrungen, sowohl in ekklesio­gene­tischer Praxis und ekklesiologischer Reflexion, aber auch in einer konkret biographischen, charismenorientierten und personalentwickle­rischen Deutung auf Gemeindegründerinnen und Gemeindegründer hin, die zum Beispiel für den pioneer ministry ausgebildet werden, mani­fes­tiert sich aber auch das Bewusstsein, dass die Ausgangskontexte der unterschiedlichen Kirchenlandschaften in England und Deutsch­land nicht einfach vergleichbar sind. So bleibt die Frage nach den Über­set­zungen englischer Erfahrung in deutsche Wirklichkeiten und dabei gleichzeitig die Anforderung eines ehrlichen und zukunfts­orien­tierten Umgangs mit deutschen Biographien und Strukturen. Die englischen Abbrüche (und Aufbrüche!) sind zu weit fortgeschritten, um die aktuell existierenden strukturerhaltenden Dynamiken in der deutschen Land­schaft zu ignorieren. So lassen sich anglikanische Initiativen und Struk­turmaßnahmen, wie die in der Church of England anerkannte Ausbil­dung und Beauftragung zur Gemeindegründerin und zum Gemeinde­gründer, derzeit nicht einfach auf das deutsche System übertragen. Auf der anderen Seite: In deutschen Landeskirchen und Bistümern, in Ver­bänden, Pfarreien und Dekanaten gibt es ein vergleichsweise ansehn­li­ches Potential, von dem man in England nur träumen kann – gerade im ehren- und hauptamtlichen Engagement!

Der Bedarf an Lernorten für dieses hier nur angedeutete ekklesiogeneti­sche Schon-jetzt-und-noch-nicht ist groß – Kommunikationsräume für Fremdelnde deutscher Landeskirchen und Bistümer, sowie Verbände, Werke und Freikirchen, gibt es wenige auf der pastoraltheologischen Wanderkarte. Gleichsam tut ein vertrauensvoller und ehrlicher, dabei prophetischer und mutiger Austausch mit Kirchenleitenden und jenen not, deren Auftrag es ist, sich mit Personalentscheidungen, Formen von Berufungspastoral und Aus- und Weiterbildungen in den Kirchen zu be­schäftigen. So entstand im Rahmen von Kirche2 auf der Basis der Erfah­rung vieler leise erzählter Geschichten vom ekklesialen Wandern und Wundern die Idee, in einer Konferenz und in einem Buch das Fremdsein in der Kirche in einer verwandelten und regenerativen Sichtweise in den Blick zu nehmen und damit die Idee der Fresh Expressions of Church und des Pioneer Ministry für das deutsche Hier und Jetzt per­so­nen­bezo­gen, charismenorientiert und berufungsbiographisch fruchtbar zu ma­chen. Die W@nder-Konferenz fand am 14./‌15. Februar 2017 im Kultur­zentrum Eisfabrik in der Südstadt in Hannover statt, das Buch zum The­ma erscheint voraussichtlich im Sommer desselben Jahres. Das Kunst­wort W@nder bringt die Facetten des Fremdseins in der Kirche zusam­men: das Wandern zwischen den Welten, das oftmals als an­stren­gend, rastlos und unbequem empfunden wird, aber eben auch das Wundern, das phantasievolle und kreative „Was wäre eigentlich wenn …?“, dazu aber eben auch jenes Wunder(n), das sich immer wieder an uns ereignen muss.

„Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ (Ein Wie)

Die Veränderung eines Systems beginnt, wenn Disruptivität einen per­for­mativen Charakter bekommt: wenn Veränderung nicht (nur) Inhalt eines Diskurses, sondern Modus ist, eben als verändertes Handeln sicht­bar wird. Dieser Haltungswandel zeigt sich – homiletisch nachgedacht – beim Übergang vom tell zum show, vom RedenÜber zu einem RedenIn (vgl. Nicol 2005). Daher ist es notwendig, Lernorte für das Gestalten eines Wandels in der Kirche nicht nur in Bezug auf die Inhalte zukunfts­orientiert zu entwickeln, sondern auch bei der Vermittlung, Inszenie­rung und Performance veränderte und verändernde Voraussetzungen zu schaf­fen. So lohnt es sich, nicht nur auf das Warum und die Gründe der Entstehung der Konferenz zu achten, sondern auch auf das Wie und die einzelnen gestalterischen Grundzüge der Veranstaltung (vgl. dazu Sinek 2014).

Für gewöhnlich beherbergt die Eisfabrik im Süden Hannovers Theater- und Tanzgruppen, ist Raum für Kabarett, Ausstellungen und Perfor­mance­aktionen. Ein solcher Andersort kann ungewohnt heilsam und un­perfekt reizvoll, aber auch ungeheuer verbraucht und unprofessio­nell chaotisch wirken. In allem jedoch ist er ausdrucksstark, nahbar und un­be­­quem. Er wird damit zum W@nderparadies: (Anders-)Orte wie die Eisfabrik sind kompromisslos und damit ganz anders als die kaffee­sahne­geweißelten und gummibebaumten Multifunktionsräume kirch­licher Tagungshäuser. An Orten wie der Eisfabrik muss man sich nicht schä­men, wenn man sich fremd fühlt – die ausgeprägte Kontextualität eines solchen Ortes weiß darum, spielt damit, legt Fremde nahe und offen und kann somit entschiedener und authentischer „Willkommen!“ sagen als grauschillernde Indifferenz.

Neben den Räumlichkeiten des Konferenzortes, die für die Dauer der Kon­ferenz ihre Bezeichnung als Schlucht, Hochebene, Berghütte und Glet­scher erhalten hatten, durchzog das Wandermotiv auch das Programm der Konferenz – eine Orientierung brachte der W@nderführer, ein Kon­ferenzguide für die Teilnehmenden: So war der Beginn der Veranstal­tung und damit ihr erster Teil am einleitenden Abend als Abmarsch beti­telt, der zweite Teil am Vormittag des Konferenztages als geführte Wan­de­rungen benannt, der dritte Teil am Nachmittag war geprägt von unter­schiedlichen Routen und ein Ende fand die Konferenz in einer partizipa­tiven Sendungsliturgie.

Wie schon beim namensgebenden Kongress von Kirche² im Jahr 2013 waren auch vier Jahre später Vielfalt, Partizipation und induktives Lernen nicht nur grundlegend für die Inhalte der Veranstaltung, son­dern auch für den Modus der Konferenz. Es ging der Konzeption der Konferenz die Grundsatzentscheidung voraus, die Teilneh­menden so weit wie möglich als Expertinnen und Experten des Wanderns und Wunderns zu akti­vieren, dabei als Teilgebende zu berufen und das Kon­ferenzdesign vor allem unter diesem Aspekt auszurichten. Ebenso waren der Einsatz digi­taler Kommunikation (vgl. dazu Herrmann 2013), eine gelebte Ökume­ne der Sendung (vgl. dazu Stelter/‌Stoltmann-Lukas 2013; Herrmann 2016) und das Bewusstsein für den transformativen Charakter von Narra­tiven für Tribes (vgl. Stubenrauch 1999; Raabe/Vell­guth 2009; Godin 2008; ders. 2009) – im bewussten und unbewussten Vollzug – prägend für den Charakter der Veranstaltung. Der Konferenz­abend zum Auftakt hatte das Ziel, zum Geschichtenerzählen zu ermu­tigen. Inspiriert durch drei Einblicke verschiedener Weisen des Wan­derns und Wunderns in der Kirche beim Abmarsch in der Schlucht gab es – bei Country-Musik und Finger-Food und bis zum Ende des Abends – in den Seilschaften, welche aus zufällig zusammengestellten Gruppie­rungen bestanden, Raum und Zeit für die individuellen (berufs‑)biogra­phi­schen Narrative der Teilneh­menden. Die beiden geführten Wande­rungen auf dem Gletscher am Vor­mittag des Konferenztages nahmen diese Dynamik auf und pointierten sie mit zwei weiteren Schwer­punk­ten: Welche Möglichkeiten hat ein kirchliches System im Umgang mit dem Fremdsein seiner Akteurinnen und Akteure (Jonny Baker und Susann Haehnel, Pioneer Mission Leader­ship Training der Church Mission Society, Oxford)? Und wie verhält es sich mit dem (berufs­bio­gra­phischen) Fremdsein in anderen Systemen wie zum Beispiel einem Dax-Unternehmen – kann man hier auch von einer Gabe und einem Geschenk sprechen (Anna Brandes, Beraterin, Mo­deratorin und Inhaberin der Fa. Waldlichtung, Hannover)? Der Nach­mittag gehörte dann orientiert an partizipativen Formaten wie Bar­camps/‌Open Spaces in spontanen, sogenannten Routen den Erfahrun­gen und Fragen der Teilnehmenden, bevor eine Sendungsliturgie in der Schlucht mit einem biblischen Schwerpunkt der Sendung in Mt 10,5–14 und einer gemein­samen Zeichenhandlung in Form sakramemoralen Kneipp-Tretens den Tag und die Konferenz abschloss.

Im Vorfeld, währenddessen und in der Reflexion danach war W@nder auch in der digitalen Welt ein Thema – eine Dokumentation der Tweets und Instagram-Bilder lässt sich auf der Website der Konferenz einsehen. Zwischenzeitlich rangierte das Hashtag der Veranstal­­tung #wewonder über mehrere Stunden in den deutschen Twittertrends und erzeugte dadurch über das Konferenzgeschehen und kirchliche Me­dien­kreise hinaus Aufmerksamkeit. Dies knüpft an die guten Erfahrun­gen an, die Kirche² seit dem Kongress 2013 mit einer starken virtuellen Präsenz macht, und zeigt deutlich, dass Social Media mehr als die Erwei­terung eines Marketing-Portfolios darstellen: Sie ermöglichen Partizipa­tion über bestehende Kommunikationsstrukturen, über physische An­we­sen­heiten und über die zeitliche Begrenzung zum Beispiel einer Kon­ferenz hinaus. Auch zwei Monate nach der Veranstaltung ist der Hashtag #wewonder weiterhin Referenz für thematisch verwandte Fragen, Ge­schichten und Diskurse. Das Weiterlernen, die Vertiefung und weitere Vernetzung erfolgen sichtbar (auch) in der Virtualität und zeigen auf: Das frühzeitige und grundlegende Aktivieren der Teilnehmenden, im Zusammenspiel mit einem bewusst gewählten Kontrollverlust der Konferenzinhalte bis in die digitale Kommunikation hinein, ermöglicht tiefergehende und nachhaltige Lerndynamiken, die nicht nur das Was und das Wie einer Konferenz wie W@nder vielfältig, missionarisch und partizipativ realisieren, sondern damit immer wieder auf das Warum verweisen.

„Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg!“ (Ein Was)

Die Begegnung mit Wandernden und Wundernden in und aus den Kir­chen wurde Anlass und Hintergrund der W@nder-Konferenz. Das ge­mein­same Gesandtsein, in einer Ökumene innerhalb und zwischen den Konfessionen und in einer Vielfalt, die sich in unterschiedlichen Alters­strukturen, in einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis und in dif­fe­­renzierten kirchlichen Rollen und Berufungen äußert, war Erbgut und Charisma der Veranstaltung. Doch was waren die Inhalte der Konfe­renz? Und was lässt sich ohne eine Teilnahme in pastorale Wander- und Wun­der­karten eintragen?

Die Nachfragen dazu erreichten uns als Veranstaltende schon vor der Konferenz – nicht nur durch Medien, von kirchenleitender Seite und in Artikelanfragen, wie an dieser Stelle. Doch es fällt schwer, W@nder auf die Vermittlung von Inhalten zu reduzieren. Zum einen, weil auf unter­schiedlichen Ebenen die inhaltlichen Ansätze und Aussagen sich bereits in vielfältigen und mehrfachen Reflexionsschleifen durch die pastoralen Diskurse ziehen: Es braucht Vielfalt, es braucht die Querdenkenden, es braucht Partizipation, es braucht Ökumene, es braucht Innovation, Frei­raum, Abenteuerlust. Und auch, weil die englischen Erfahrungen zum Beispiel in dem grundlegenden Sammelband von Cathy Ross und Jonny Baker zur Verfügung stehen und somit kaum als Mehrwert deklariert werden können.

Zum anderen, weil sich die Inhalte, wie bereits ausgeführt, nicht von der Art ihrer Vermittlung trennen lassen. Sie würden gar verfälscht darge­stellt werden, denn genau der Haltungswandel vom tell zum show war eben mehr als Content, sondern Performance. W@nder war das Experi­ment eines Veranstaltungsformats für die komplexen Anfor­derungen missionaler Kirchenentwicklung: kontextualisiert, narrativ, partizipativ und ganzheitlich – und ist damit zu keinem Zeitpunkt und an keinem Ort wiederholbar. So wie es bei der Liturgie zum Ende der Konferenz beim Predigttext aus der Sendungsrede im Matthäus­evange­lium zu hören war: „Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg!“ (Mt 10,10). Und man möchte ergänzen: „… aber habt Vertrauen und lasst euch endlich auf die Menschen und ihre Kontexte, ihre Freuden und Hoff­nungen, ihre Trauer und Angst ein.“

Wanderlust (Ein Weiter!)

Mit W@nder ist nichts „erreicht“ und hat vielleicht auch nur in Ansät­zen etwas begonnen – gerade das macht ja den Charakter eines Experi­ments aus. Ohne das Bild des Wanderns abschließend überstrapazieren zu wol­len: Es war ein Schritt. So wie an vielen anderen Orten in der deutschen Kirchenlandschaft Schritte auszumachen sind. In den Rück­meldungen erhalten wir viel persönliches Feedback, manches davon ist beeindru­ckend existentiell. Kirchenentwicklung ist auch geistliche Begleitung der Agentinnen und Agenten des Wandels. Dazu braucht Kirche, neben den Diskursen zu Instrumenten und Visions­ent­wick­lungen, Strategien und Strukturprozessen, auch Orte, an denen Menschen Bezüge zu ihrer Beru­fung als Wandernde und Wundernde entdecken und sich, in einer (öku­menischen) Seil- und Gesandtschaft, als wanderndes Volk Gottes erle­ben dürfen. In den vielen Berüh­rungs­flächen, die wir als Referentinnen in der Verantwortung einer Bewe­gung wie Kirche² mit Menschen haben, die inmitten komplexer kirch­licher Transformationsprozesse stehen, wird das an vielen Ecken und Enden der Kirche deutlich. Immer klarer wird für uns dabei auch, dass wir an neuen Lernorten arbeiten müssen – und können. Lernorte, an denen sich im Hier und Jetzt Zukünftiges in Performanz und Unver­füg­barkeit ereignen kann.

Online lassen sich Eindrücke in Form von Bildern, Tweets und Videos auf der Konferenz-Website einsehen. Das Buch „Vom Wandern und Wundern. Fremd sein und prophetische Ungeduld in der Kirche“ (herausgegeben von Maria Herrmann und Sandra Bils) erscheint voraussichtlich im Juli 2017 im Echter Verlag in Würzburg.