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Mehr Drama bitte!

Mit Storytelling spannend vom Glauben reden.

Wie kann die Relevanz des Evangeliums verdeutlicht werden? Was verändert es eigentlich, wenn ich glaube? Eine große Frage für die Christian Schröder einen Antwortversuch unternimmt: Im Storytelling sieht er einen grund­legen­den Ansatz, die eigenen Glaubensüberzeugungen in narrativer Form auszudrücken und liefert gleich Beispiele aus Katechese, kirchlichen Grün­dungsprozessen, Gremienarbeit und Pastoralentwicklung mit.

Am Abend, an dem Lukas Franke anfängt zu glauben, dass jemand an­de­res sein Leben steuert, wird es urplötzlich dunkel. Stromausfall in ganz Berlin. Franke, ein Hotelmanager, versucht die Konferenzgäste zu beruhigen, die im schicken Waldorf-Astoria tagen. Bald geht das Licht wieder an. Doch in Frankes Leben hat sich etwas geändert. Zuerst merkt er es nicht. Doch bald stößt er auf Flugbuchungen in seinem Namen, die er nie getätigt hat. Sein Kind wird vor dem heimischen Laptop von Frem­den gefilmt. Seiner Frau werden Fotos einer angeblichen Geliebten zuge­spielt. Jemand hat seine digitale Identität gehackt. Dann erhält er einen Anruf des geheimnisvollen Drahtziehers. „Wer sind Sie?“, keift Franke ins Telefon. Eine Stimme antwortet: „Stell dir einfach vor, ich bin Gott, bin überall. Und wenn man sich mir widersetzt, werde ich ungemüt­lich.“

So beginnt „You are wanted“, die erste deutschsprachige Serie des Streaming-Anbieters Amazon Prime. Mit gigantischem Werbeaufwand angekündigt, bannt der Thriller seit Mitte März die Zuschauer und führt sie tief hinein in eine Verschwörungsgeschichte. Die Serie schafft, was viele vergleichbare Formate der letzten Jahre bewirken: Sie erzählen Geschichten, von denen die Zuschauer mehr sehen und hören wollen. Wie bei vielen anderen hochwertigen Serien gelingt es den Künstlern und Produzenten hier, ein immersives Erzählerlebnis zu schaffen. Ob­wohl die Realität der Figuren eine völlig andere ist als die der Zuschauer, wollen sie wissen, wie die Geschichte weitergeht. Eine Doku, die über die Gefahren von Hackerangriffen auf private Profile aufmerksam macht oder ein Nachrichtenbeitrag über die Gefahren von Big Data würden ver­mutlich nicht annähernd so viel Interesse hervorrufen. Geschichten emo­tionalisieren, sie gewinnen Auf­merk­sam­keit, weil sie es uns erlauben, uns mit Charakteren zu solidarisieren, die durch widrige Umstände vom „ewigen Glück“ abgehalten werden. Die Autorin Annette Simmons er­klärt die größere Kraft der Geschichten gegenüber den Fakten so: „Die Menschen wollen keine Informationen. Sie sind bis obenhin voll mit Informationen. Sie wollen an etwas glauben, [...] an die Geschichte, die du erzählst. Glaube versetzt Berge, nicht Fakten. Fakten bringen keinen Glauben hervor. Glaube braucht eine Geschichte, der ihn stützt. Eine be­deutsame Geschichte, die zum Glauben inspiriert“ (Simmons 2006, 3).

Eigentlich ist es schlicht unfassbar, dass gerade die Kirche diese Erzähl­kom­petenz verloren hat. Dabei wurde der Glaube doch so lange in Er­zählform weitergetragen. In Bibelgeschichten, Heiligenviten, Kirchen­fenstern, Mysterienspielen oder Sternsingeraktionen. Die Techniken des Erzählens und vor allem die Erzählsituationen haben sich verändert. Wenn heute spannende Geschichten nur einen Wischer auf dem Smart­phone entfernt sind, dann sollte meiner Ansicht nach das Evangelium, die „greatest story ever told“, in besonders hoher Qualität zugänglich sein. Dabei geht es bei Storytelling nach meinem Verständnis aber nicht nur um offensichtliche Verkündigungsszenarien wie Predigten oder die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit. Storytelling ist vielmehr ein grundle­gender Ansatz, für jede Situation, in der Glaube artikuliert wird. Die fol­genden Beispiele werden zeigen, dass dies auch Katechese, kirchliche Gründungsprozesse, Gremienarbeit und Pastoralentwicklung umfassen kann. Wie wird Glaubenskommunikation nun narrativer? Woher kom­men die Geschichten und wer erzählt sie gut? Drei Versuche aus der Praxis, bei denen der Bedarf nach narrativer Verkündigung ganz unter­schiedlich war.

Den Superheld in dir entdecken – Mehr Drama in der Katechese

„You are wanted“ zeigt den Hotelmanager Lukas Franke anfangs in sei­nem Arbeitsalltag. Alles scheint relativ stabil und normal. Dann taucht wie aus dem Nichts eine Herausforderung auf, das Abenteuer beginnt. Anfangs versucht Franke, das Problem zu verneinen und so weiterzule­ben wie bisher – das Motiv des „refusal of the call“ wie es auch aus man­chen Berufungsgeschichten bekannt ist. Schließlich nimmt er doch die Herausforderung an, findet Freunde und Feinde – und muss sich schließ­lich auch mit den dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit auseinan­dersetzen. Diese und andere Motive gehören zur klassischen „Helden­reise“, einer narrativen Grundstruktur, die erstmals 1949 vom Mythen­forscher Joseph Campbell dargestellt wurde. Er versuchte dadurch die gemeinsamen Motive der großen Erzählungen ver­schie­de­ner Kulturen herauszuarbeiten. In diversen Überarbeitungen wurde das Konzept in den letzten Jahren verstärkt in der Filmanalyse und dem Drehbuch­schreiben aufgenommen. Die Idee: Geschichten, die einer Variante der Heldenreise folgen, haben besonders gute Chancen, eine emotionale Reaktion und innere Auseinandersetzung der Zu­schau­en­den mit dem Inhalt zu erreichen. Könnte dieses Ziel nicht auch in katechetischen Prozessen erreicht werden?

Im Bis­tum Aa­chen wird dies der­zeit in ei­nem Pro­jekt zur Firm­ka­te­che­se ge­tes­tet. Er­gän­zend zur pfarr­li­chen Firm­vor­be­rei­tung bie­tet die Beru­fungs­pastoral des Bis­tums Wo­chen­en­den für die Firm­lin­ge ei­ner Pfar­rei an. Das Mot­to: „Den Su­per­held in dir ent­de­cken“. Die po­pu­lä­ren Super­helden-Ver­fil­mun­gen et­wa aus dem Mar­vel-Uni­ver­sum sind hier An­lass, um den Ju­gend­li­chen die Hel­den­rei­se als Chif­fre zur Deu­tung ih­res eige­nen Le­bens an­zu­bie­ten. Durch das gan­ze Wo­chen­en­de zie­hen sich aus­ge­wählte Sta­tio­nen der Hel­den­rei­se als ro­ter Fa­den. Im­mer be­ginnt die Ka­te­che­se mit ei­nem Film- oder Se­ri­en­aus­schnitt, der ein Bei­spiel für ei­ne Sta­ti­on der Hel­den­rei­se zeigt, et­wa den „call to ad­ven­tu­re“ aus der ak­tu­el­len Net­flix-Se­rie „De­si­gna­ted Sur­vi­vor“. Im Ge­spräch stellt sich schnell her­aus: Die Ju­gend­li­chen nen­nen so­fort ver­gleich­ba­re Sze­nen aus an­de­ren Fil­men und Bü­chern – und es fällt ih­nen dann auch nicht schwer, Bei­spie­le aus dem ech­ten Le­ben zu er­zäh­len: He­r­aus­for­de­run­­gen, vor die sie oder ih­nen be­kann­te Men­schen ge­stellt wur­den und die ei­ne Ent­schei­dung von ih­nen ver­lang­ten. Sie neh­men die Ge­dan­ken mit und ent­wi­ckeln sie spie­le­risch wei­ter. Mo­se vor dem bren­nen­den Dorn­busch, die Be­ru­fung der ers­ten Jün­ger – die bib­li­schen Ver­sio­nen des „Call to ad­ven­tu­re“ – set­zen sie krea­tiv in Stop-Mo­ti­on-Vi­de­os um spre­chen zum Ab­schluss of­fen dar­über, wie man sich da­zu ver­hal­ten kann, wenn man plötz­lich und un­er­war­tet vor Her­aus­for­de­run­gen steht, die man ei­gent­lich für zu groß hält. Wie sie die rich­ti­ge Ent­schei­dung tref­fen, was sie nach der Schu­le ma­chen wol­len, ist für vie­le der Jugendli­chen schon ei­ne sehr rea­le Chal­len­ge. Und hier kommt die Theo­lo­gie des Firm­sa­kra­ments ins Spiel. Hier ist es viel­leicht die Stär­kung für die Jugend­lichen an der Schwel­le zum Er­wach­se­nen­al­ter, ei­ne Fei­er in der sie ge­stärkt wer­den, um mit Got­tes Hil­fe das Aben­teu­er ih­res Le­bens an­zu­ge­hen, oder, ganz geist­lich aus­ge­drückt: ih­re Be­ru­fung als Christ*in an­zu­neh­men. Je­de Epi­so­de der Hel­den­rei­se be­leuch­tet un­ter­schied­li­che Fa­cet­ten der Fir­mung. Der Men­tor der Hel­den­fi­gur the­ma­ti­siert die Fra­ge, wer ei­gent­lich ge­eig­ne­ter Pa­te oder Pa­tin für sie sein kann. Die Auf­er­ste­hung des Hel­den – ein Stan­dard­mo­tiv auch vie­ler zeitgenössi­scher Er­zäh­lun­gen – stellt die Fra­ge, wor­auf die Ju­gend­li­chen ei­gent­lich hof­fen, was Ziel ih­res gan­zen Le­bens ist. Am En­de des Wo­chen­en­des ha­ben sich drei Er­zähl­strän­ge mit­ein­an­der ver­wo­ben. Die Hel­den­rei­sen aus Ki­no und In­ter­net, die christ­li­che Bot­schaft ei­nes Got­tes, der je­den Men­schen ruft, und ihr ei­ge­nes Le­ben mit sei­nen All­tags­ängs­ten und Wunsch­träumen. Mög­lich wur­de dies, weil hier nicht stück­chen­haft vom Glau­ben die Re­de war, son­dern ein dra­ma­tur­gi­scher Bo­gen die verschie­denen ka­te­che­ti­schen Schrit­te ver­bun­den hat.

Woher kommen die Erzähler*innen?

Doch wo­her sol­len die Leu­te kom­men, die von dem, was sie glau­ben, span­nend, ehr­lich und un­ter­halt­sam er­zäh­len kön­nen? Wie er­mög­licht man, dass ih­re Ge­schich­ten nicht nur geist­li­che Er­bau­ung für Ein­zel­ne, son­dern viel­leicht so­gar Auf­bau von christ­li­cher Ge­mein­schaft wird oder so­gar – was noch viel wich­ti­ger wä­re – wirk­lich wirk­sam in der Gesell­schaft wer­den? Ei­ne ganz ähn­li­che Fra­ge be­schäf­tigt den US-Po­li­tik­wis­­sen­schaft­ler Mar­shall Ganz schon seit Jahr­zehn­ten. Er er­forscht, wie so­ziale Be­we­gun­gen ent­ste­hen, wie Men­schen da­zu be­wegt wer­den kön­nen, sich für ei­ne Sa­che zu en­ga­gie­ren. Ins­be­son­de­re Bür­ger­rechts­be­­we­gun­gen und Gras­wur­zel­be­we­gun­gen wa­ren da­bei sein For­schungs­ge­­gen­stand. Er hat ein Mo­dell ent­wi­ckelt, mit dem sich der Auf­bau ei­ner Be­we­gung för­dern lässt: Es hei­ßt im eng­li­schen Ori­gi­nal „Pu­blic Narra­tive“, al­so ei­ne Art „öf­fent­li­cher Er­zäh­lun­g“. Nach Ganz’ Ver­ständ­nis ist Pu­blic Nar­ra­ti­ve ei­ne „lea­dership tech­ni­que“ al­so ein Füh­rungs­in­stru­­ment zum Auf­bau und zur Stär­kung so­zia­ler Be­we­gun­gen. Da­mit das ge­schieht, müs­sen drei Ge­schich­ten über­zeu­gend er­zählt wer­den: Die „Sto­ry of Sel­f“, die „Sto­ry of Us“ und die „Sto­ry of No­w“. Die „Sto­ry of Sel­f“ be­ant­wor­tet die Fra­ge: War­um ich? War­um sit­ze ich hier da­bei, war­um in­ter­es­siert mich das The­ma? Was ist mei­ne per­sön­li­che Ge­schichte, die mich hier­her­ge­führt hat. Die „Sto­ry of Us“ ver­sucht zu be­schreiben, was das Ge­mein­sa­me al­ler ist, die hier be­tei­ligt sind. Was ver­bin­det uns, auch wenn wir sonst ganz un­ter­schied­lich sind. Die „Sto­ry of No­w“ gibt Ant­wort auf die Fra­ge: War­um jetzt? War­um ist der Grund un­se­res Tref­fens wich­tig? Was soll jetzt ge­sche­hen? Fehlt ei­ne der drei Kom­po­nen­ten, wird sehr wahr­schein­lich kein ge­mein­sa­mer Ein­satz für et­was zu­stan­de kom­men. Fehlt die „Sto­ry of No­w“, so füh­len sich zwar al­le wohl mit­ein­an­der, aber es gibt ei­gent­lich kei­nen Grund irgend­was mit­ein­an­der zu ent­wi­ckeln – lei­der all­zu oft ein Phä­no­men schon lan­ge mit­ein­an­der ver­trau­ter Grup­pen, Ver­bän­de oder Pfarr­ge­mein­den. Fehlt das ver­bin­den­de Ele­ment der „Sto­ry of Us“, bleibt das Vor­ha­ben ein An­lie­gen von Ein­zel­kämp­fern oh­ne So­li­da­ri­tät zum Rest. Und fehlt die „Sto­ry of Sel­f“, wird die Mo­ti­va­ti­on der Be­tei­lig­ten nicht sehr hoch sein, weil sie viel­leicht nur aus Pflicht­ge­fühl oder Grup­pen­zwang mit­ma­chen, aber nicht, weil es ih­nen ein per­sön­li­ches An­lie­gen ist.

Public Narrative: adaptiert nach Marshall Ganz

Wie entsteht nun ein solches Public Narrative? Jede*r Teilnehmende ist zunächst aufgefordert, eine kurze Geschichte von maximal zwei Minu­ten Dauer in einer Gruppe zu erzählen, in der möglichst alle drei Stories vorkommen. Dabei nimmt die „Story of Self“ den größten Teil ein. Wich­tig ist, dass die Teilnehmenden tatsächlich eine Geschichte erzäh­len – und Geschichten funktionieren nicht ohne Konflikte. In Ganz’ Ar­beit mit schwarzen Bürgerrechtlern wurden beispielsweise oft eigene Dis­kriminierungserlebnisse erzählt, die für viele Beteiligte ein zentrales Element ihrer „Story of Self“ waren. In einem religiösen Kontext könn­ten hier beispielsweise konkrete Lebenserfahrungen stehen, durch die der eigene Glaube geprägt wurde. Wichtig ist, dass hier wirklich erzählt wird, d. h. nicht: „meine Großmutter hat mich sehr geprägt“, sondern eine konkrete Anekdote, Situation, Handlung durch die deutlich wird, warum die Großmutter prägend war. Auf die zweiminütige Ansprache folgt ein dreiminütiges Feedback aus der Gruppe, das der Erzählenden Hinweise gibt, welche Momente ihrer Geschichte besonders stark ge­wirkt haben und an welchen Stellen noch mehr Informationen ge­wünscht sind. Dadurch wird einerseits die Erzählkompetenz der Vortra­genden gestärkt und gleichzeitig entsteht eine emotionale Verbunden­heit in der Gruppe, weil das gemeinsame Anliegen deutlicher geworden ist.

Die relativ leicht zu erlernende Technik des „Public Narrative“ birgt aus meiner Sicht die Chance, dass wirklich alle Beteiligten persönlich betei­ligt sind. Der narrative Ansatz verhindert aber, dass sich eine Gruppe in der Planungsphase in endlosen Diskussionen verheddert und nicht ins Handeln kommt. Es ist eher ein prophetisches Vorgehen als eine Mode­ra­tionstechnik. Sie eignet sich für alle Szenarien, in denen Menschen zwar ein gemeinsames Interesse für ein Thema haben, aber noch unklar ist, wie ihre persönlichen Anliegen eigentlich miteinander vereinbar sind. Zum Beispiel Gremien, die in neuer Zusammensetzung ihre Arbeit aufnehmen. Oder Teams von Jugendferienfahrten, die sich vor Pro­gramm­planung und Putzplanschreiben vergewissern wollen, warum sie eigentlich ihre Freizeit dafür opfern. Oder eben die Visionauten. Die Vi­sio­nauten sind die Teilnehmenden eines Freiwilligen­projekts im Bistum Aachen, die ein Jahr lang in WGs zusammenleben, einen Freiwilli­gen­dienst leisten und Unterstützung zur Umsetzung eigener innovativer Projekte erhalten und Entscheidungen für ihre weitere Lebensplanung treffen.

Wichtiger Bestandteil des Jahres ist der Kompaktkurs „Soziale Innova­tion“. Darin lernen die Teilnehmenden, ihre eigenen Anliegen zu identi­fizieren, in denen sie etwas bewirken möchten, und wie sie das konkret angehen können. Exemplarisch hatten sie an einem Wochenende die Aufgabe, ein gemeinsames Projekt für eine sogenannte urbane Inter­vention zu entwickeln und durchzuführen. Nur: Was konnte eine ge­mein­same Botschaft dieser durchaus heterogenen Gruppe werden, die alle mit voller Überzeugung auf kreative Weise in der städtischen Öffent­lichkeit verkünden wollten? Wie können sie gemeinsam etwas von ihrem Glauben als junge Christ*innen verkünden, wo sie doch so unterschiedlich sind? Am Ende der Erzählphase à la Public Narrative war klar: Bei allen Teilnehmenden überwog die Dankbarkeit für die vielen spannenden und bestärkenden Erfahrungen im Visionautenjahr. Die Entscheidung für die urbane Intervention war gefallen: Wir bauen eine Dankstelle. Wenige Tage später stand ein großer Sonnenschirm völlig allein mitten auf dem Aachener Rathausplatz. Unter dem Schirm hingen Zettel an Schnüren. Darauf: „Dafür bin ich dankbar …“. Ein selbsterklä­rendes Plakat dazu – fertig. Unzählige Menschen blieben stehen, lasen die Karten, schrieben ihre eigenen und hängten sie dazu, kamen mitein­ander ins Gespräch. Die Visionauten beobachteten ihr Werk aus der Dis­tanz. Selten habe ich eine Gruppe erlebt, in der alle so stolz und zufrie­den waren, etwas geschaffen zu haben.

Mit Public Narrative kann aus einer Gruppe von Individualist*innen eine Gemeinschaft von Akteur*innen entstehen, in der trotzdem das Indivi­du­elle stark bleibt (Story of Self), gleichzeitig aber eine enge Verbunden­heit für ein gemeinsames Ziel entsteht (Story of Us) und dieses Ziel tat­sächlich auch angegangen wird (Story of Now). Gleich­zei­tig schult die Methode die Sprachfähigkeit der Einzelnen. Was ist für mich jetzt wirk­lich wichtig? Und wie kann ich anderen so anziehend davon erzählen, dass wir gemeinsam weiter kommen?

Warum ist es eigentlich wichtig, dass es uns gibt?

Vielleicht gibt es da aber schon eine Gemeinde und die ist in der Routine des Kirchenjahres ein wenig eingeschlafen. Es ist nicht mehr klar, was eigentlich das Besondere an ihr ist und wie sie Menschen davon erzählen können. So ging es jedenfalls der Aachener Jugendkirche kafarna:um, die für eine Jugendkirche das schon recht stattliche Alter von fast 10 Jahren auf dem Buckel hat. Längst war die dritte oder vierte Generation Jugend­­li­cher da, den Zauber des Anfangs hatten sie nicht mehr selbst erlebt, als die Idee einer Hauskirche in großer Ei­gen­ver­ant­wor­tung von Minderjäh­ri­gen noch ganz neu und gefühlt ein bisschen illegal war. Und da saß nun ein Leitungsteam von 16- bis 23-jährigen und überlegte, was ihre Kirche eigentlich besonders macht. Dafür nutzten sie ein Werkzeug, das ur­sprüng­lich für Start-ups entwickelt wurde: die „Core Story Canvas“.

Für jun­ge Un­ter­neh­men ist es sehr wich­tig, im­mer wie­der mög­li­che Part­ner von ih­rer Idee und ih­rem An­ge­bot über­zeu­gen zu kön­nen. Das ge­schieht we­ni­ger durch die har­ten Fak­ten, denn Ver­kaufs­zah­len oder Um­satz sind in ei­ner sol­chen Grün­dungs­pha­se in der Re­gel noch nicht sehr ein­drucks­voll. Ein Start-up ist ein Ver­spre­chen in die Zu­kunft – ei­ne Kir­che üb­ri­gens auch. Mit der von Va­len­tin Heyde und Chris­ti­an Rie­del ent­wi­ckel­ten Lein­wand kön­nen Grün­de­rin­nen und Grün­der ih­re Kern­ge­schich­te her­aus­ar­bei­ten, die ih­re zen­tra­le Vi­si­on er­zählt und deut­lich macht, wel­che Ver­än­de­rung sie an­stre­ben. Da­für wird die groß­for­ma­tig aus­ge­druck­te Co­re Sto­ry Can­vas ge­nutzt. Zu­nächst wer­den die we­nig emo­tio­nal be­setz­ten Hard Facts in den blau­en Fel­dern no­tiert. Al­le Team­mit­glie­der dür­fen ih­re As­so­zia­tio­nen äu­ßern, dann wird gesam­melt und prä­zi­siert. Dann ar­bei­tet man sich zu den grü­nen Fel­dern vor, zu den be­reits stär­ker dra­ma­tur­gi­schen Ele­men­ten, zum Bei­spiel: Wer sind die Haupt­per­so­nen, wenn wir über uns er­zäh­len? Wel­che Ri­tua­le und Voll­zü­ge zei­gen durch star­ke Bil­der, was bei uns pas­siert? In den gel­ben Fel­dern wird dies noch kon­kre­ter: Gibt es zum Bei­spiel Er­leb­nis­se von Be­su­chern, Teil­neh­men­den oder Kun­din­nen, die il­lus­trie­ren, was bei uns pas­siert? Dann der ers­te Ver­such, die Kern­ge­schich­te zu fas­sen: Wo­ran glau­ben wir? Wie wol­len wir die Welt ver­än­dern? Es bleibt ein ers­ter Ver­such, denn die Can­vas ist nie fer­tig, sie wird kor­ri­giert und er­gänzt. Für das Lei­tungs­team von ka­far­na:um wur­de mit der Can­vas vie­les kla­rer. Zum Bei­spiel, dass sie sich tat­säch­lich als Ak­ti­vist*in­nen in ei­nem Kon­flikt ver­ste­hen, weil sie sich näm­lich ge­gen Gleich­gül­tig­keit un­ter Ju­gend­li­chen ein­set­zen, ge­gen ei­ne Ich-kann-ja-doch-nichts-än­dern-Hal­tung. Und dass sie sich als ei­ne Ge­mein­schaft von Ent­de­cker*in­nen ver­stehen, in der jun­ge Men­schen her­aus­fin­den, was sie kön­nen und was ih­nen wich­tig ist. Für das Lei­tungs­team wur­de da­durch viel kla­rer, wel­ches Bild nach au­ßen sie über ka­far­na:um kom­mu­ni­zie­ren wol­len. Und die mög­li­chen In­hal­te ih­rer nächs­ten Got­tes­diens­te, Ak­tio­nen oder YouTube-Vi­de­os stan­den im Grun­de schon als Ge­schich­ten auf der Can­vas. Es ver­än­der­te aber auch den Blick auf das, was vor Ort schon lief. Nicht mehr der Er­folg die­ser oder je­ner Ver­an­stal­tung wur­de disku­tiert, son­dern wel­che Leu­te ge­ra­de da sind und was sie brau­chen, um zu ent­de­cken, was sie kön­nen.

Storytelling bedeutet mehr als gut gemachte kirchliche Öffentlichkeits­ar­beit oder unterhaltsamere Predigten, auch wenn bereits das wichtige Ziele sind. Glaubensüberzeugungen in narrativer Form auszudrücken, verspricht meines Erachtens eine Lösung für das zentrale Problem der Kirchen in der heutigen Gesellschaft, nämlich, dass es ihnen nicht ge­lingt, die Relevanz des Evangeliums zu kommunizieren. Was verändert es eigentlich, wenn ich glaube? Was bedeutet die Botschaft Jesu für mein Leben? Der Erpresser in „You are wanted“ zeichnet ein de­struk­ti­ves Gottesbild – „Ich bin überall. Und wenn man sich mir widersetzt, werde ich ungemütlich“. Ich wünsche mir Geschichten, die mich genauso pa­cken, wie „You are wanted“ – die aber auch von einem Gott erzählen, der das pralle Leben verspricht. Ich möchte solche Geschichten in Kirchen und Pfarrsälen hören. Aber gern auch in meiner neuen Lieblingsserie.