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Glaube im Lockdown – ein Rückblick auf die Aktion „Weihnachten am Wegesrand“

Es ist wieder Sommer und die Inzidenzwerte sind vergleichsweise nie­drig. Manche spekulieren auf ein Ende der Pandemie, andere prophe­zeien eine vierte Welle. So oder ähnlich war die Situation auch vor einem Jahr. Planbarkeit, gerade auch mit Blick auf Weihnachten, war kaum möglich. Dennoch war damals und ist heute eine langfristige Vorbereitung nötig, um die Botschaft des Festes ansprechend an den Mann, die Frau und das Kind zu bringen. Ein auf der Ebene des Bistums Erfurt angebotener Weihnachtsworkshop Anfang September 2020 sollte eruieren, welchen Bedarf man in den Gemeinden sieht und an welchen Stellen zentral vorbereitete Materialien und Ideen Hilfe und Unter­stützung bieten können. Schnell war klar: Es braucht ein Angebot für draußen. Es muss etwas sein, das coronakonform (= mit Abstand, wenig Kontakt zu anderen, Einhaltung der Hygienevorgaben), gut im Vorfeld vorzubereiten, möglichst wetterunabhängig und mit wenig Personal­aufwand während der Durchführung am Heiligabend/​in den Weih­nachtstagen realisierbar ist. Im Kreis der Workshop-Teilnehmer ent­wickelte sich die Idee eines Stationenweges, der durch den Ort, das Stadtviertel oder rund um die Kirche von Einzelpersonen oder Familien gegangen werden kann. Mit diesem Vorschlag und einigen ersten Umsetzungsideen endete der Workshop. Die Inhalte des Weges und die benötigten Materialien sollten im Seelsorgeamt des Bistums Erfurt entwickelt und vorbereitet werden, die konkrete Umsetzung vor Ort durch die Pfarreien oder Kirchorte erfolgen.

Organisatorisches

Um sowohl den Coronamaßnahmen als auch den Besonderheiten des Weihnachtsfestes gerecht zu werden, bedurfte es guter Vorüberlegungen:

  • Für die Familien, die im Normalfall die Krippenandacht am Heiligen Abend besuchen, reicht die Werbung über den Pfarrbrief nicht aus. Es entstand die Idee der Startertüten, die in Kindergärten, öffentlichen Gebäuden und den noch geöffneten Geschäften verteilt werden soll­ten, um so möglichst viele Personen zu erreichen. Plakate machten darauf aufmerksam.
  • Draußen ist besser als drinnen. Deshalb schien ein Weihnachtsspaziergang mit Impulsen eine passende Alternative zum Gottesdienst im Kirchenraum zu sein.
  • Auch unter Pandemiebedingungen musste man davon ausgehen, dass zum Weihnachtsfest kein Ehrenamtlicher Zeit und Muße hat, über einen längeren Zeitraum eine Station im Freien zu betreuen. Deshalb brauchte es einen betreuungsarmen Ansatz, der über frei zugängliche Boxen mit dem Material entlang eines geplanten Weges entstand. Zu finden waren nur Personen, die hin und wieder einen Blick auf die Station werfen sollten, also bestenfalls im Nachbarhaus lebten. Solche Ehrenamtliche zu gewinnen, erwies sich auch im Rückblick als praktikabel.
  • Weihnachten und Kerzenschein gehören für viele Menschen zusam­men. Deshalb sorgten die Laterne als Erkennungszeichen für die Station und die Aufforderung, selbst die mitgebrachten Kerzen zu entzünden, für eine passende Atmosphäre an der Station.
  • Es war davon auszugehen, dass die Stationen auch Menschen auf­merksam werden lassen, die im Vorfeld nichts davon mitbekommen haben. Um ihnen einen Einstieg in den Weg zu ermöglichen, gab es an jeder Station auch einen Hinweis auf die restlichen Stationen.
  • Es braucht einen Anreiz, die gesamte Weihnachtsgeschichte zu ent­­decken und deshalb den ganzen Weg zu gehen. Die zu sammelnden Puzzleteile schufen diesen. Zugleich gab es in den Startertüten die Vorlage des Puzzles in Schwarz-Weiß, auf die die gesammelten Puzzleteile gelegt oder geklebt werden konnten, um daraufhin mögliche Lücken auszugleichen und selbst auszumalen.
  • Das Material sollte so aufgebaut sein, dass auch Ehrenamtliche vor Ort in z. B. kleineren Kirchorten es selbstständig verwenden konnten und die Umsetzung vergleichsweise wenig Aufwand bedeutete. Deshalb gab es die Möglichkeit, das gesamte Material einschließlich der Werbeplakate, der Vorlagen für die Stationen, der Einladungen für die Startertüten und der gestanzten Puzzles zu bestellen. Diese benutzerfreundliche Aufbereitung fand besonders viel Anklang.
  • Vor allem Familien und über den engen Rahmen der Pfarrei hinaus einzuladen, heißt mit Personen unterschiedlichen Alters und An­spruchs zu rechnen. Die sich wiederholende Struktur, die neben Gebeten und dem Bibeltext auch Lieder und Geschichten über QR-Code, Aktionen und Impulse für das Leben beinhaltete, sollte Sicherheit geben und zugleich ein Gespräch in der Familie über die Weihnachtsbotschaft ermöglichen.

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Im Folgenden wurde ein Weg aus fünf Stationen entwickelt. Die Basis dafür bildete das Weihnachtsevangelium Lk 2,1–20. Um die einzelnen Stationen nicht in einer festgelegten Reihenfolge gehen zu müssen, sondern an einem beliebigen Punkt einsteigen zu können, wurden fünf Themen ausgewählt, anhand derer die Weihnachtsbotschaft erschlossen wurde.

Als verbindendes Element wurde ein sechsteiliges thematisch passen­des Puzzle entworfen und in Einzelteilen den Stationen zugeordnet. Eines der Teile wurde mit der sogenannten „Startertüte“ verteilt, in der sich daneben das Gesamtbild des Puzzles sowie eine Erklärung zum Ablauf des Stationenweges, eine Angabe zu den Orten der Stationen und eine Haushaltskerze befanden.

Mittels eines einheitlichen Ablaufs an jeder Station erfolgte die Struk­turierung am jeweiligen Ort: Entzünden einer Kerze + Kreuzzeichen, Lesen eines Abschnitts aus dem Weihnachtsevangelium, eine Aktion, ein kurzer Impuls, ein Lied zum Mitsingen, ein Schlussgebet und der Hinweis auf das Mitnehmen des Puzzleteils. Ziel der einzelnen Statio­nen war es, sowohl die Weihnachtsbotschaft ihrem Ursprung nach zu erfassen als auch eine Anbindung an die konkrete Lebenswirklichkeit der Besucher zu ermöglichen. Die fünf vorbereiteten Themen waren: „Schon wieder ’ne Liste“ (Kaiser Augustus), „Kein Platz für Jesus“ (Herbergssuche), „Gespräch am Feuer“ (Hirten), „Alles Gute kommt von oben“ (Engel) und „Was für eine Familie!?“ (Heilige Familie). Zur Veran­schaulichung ist die letzte Station hier angefügt:

Heilige Familie – „Was für eine Familie!?“

Beginn:
Zündet Eure Kerze an
und beginnt: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Aus dem Lukasevangelium (zum Vorlesen):
Die Hirten eilten hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde. Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war.

Aktion:
Macht ein Selfie von Euch. Schickt das Foto mit Weihnachtsgrüßen an Menschen aus Eurer Familie, die für Euch mit auf das Bild gehören. Vielleicht auch gute Freunde?

Impuls:
Einer oder eine von Euch kann jetzt den Impuls von der Rückseite vorlesen. Ihr könnt Euch natürlich auch abwechseln.

Na, habt Ihr ein Familienfoto gemacht? Oder wart Ihr nicht mit der ganzen Familie hier? Wer hat gefehlt? Wer hätte auf Eurem Familienfoto unbedingt mit drauf sein müssen?

Hätten Maria und Josef im Stall ein Selfie mit dem Jesuskind machen können, dann hätte auch mindestens einer gefehlt: Gott Vater wäre sicher nicht zu sehen gewesen und der gehört ja wohl mit aufs Bild! (Manche mittelalterlichen Maler haben ihn deshalb auf ihr Weihnachts­bild mit draufgemalt.) Manchmal können wir echt staunen, was für eine Familie das war, in der Jesus groß geworden ist. Da ist auch nicht immer alles „nach Plan“ gelaufen. Da gab es Überraschungen und Dinge, die man nicht erwarten würde. Am Anfang hat Josef sogar überlegt, ob das Ganze überhaupt passt. Und Jesus hatte später sicher auch die ein oder andere Diskussion mit seinen Eltern. Da war einfach Leben mit allem, was dazu gehört. Und Gott war mittendrin.

Zu Weihnachten möchte Gott uns sagen: Mit jeder Geburt beginnt das Wunder des Lebens neu. Ihr dürft darüber staunen, wie bunt und viel­fältig es sein kann. Es läuft vielleicht nicht immer alles glatt und es gibt sicher die eine oder andere Überraschung. Aber ich bin genau dort mit­­tendrin. Ich bin mit auf Eurem Lebensselfie – vielleicht so wie das Pa­pier, auf dem Ihr Euer Foto ausdruckt.

Lied: „Ihr Kinderlein kommet“
(Playback zum Mitsingen; wer keinen QR-Code-Scanner hat, findet das Lied unter www.bistum-erfurt.de/weihnachten2020 in der Rubrik „Zum Mitsingen“.)

Gebet:
Guter Gott, dein Sohn Jesus ist wie wir in einer Familie aufgewachsen. Eine Familie bietet Geborgenheit und Wärme. Eine Familie ist bunt und vielfältig, weil jeder von uns einmalig ist. Manchmal funktioniert das Zusammenleben nicht und es gibt Streit. Segne unsere Familien und Freunde. Hilf uns, dass wir auch in schwierigen Situationen zusam­menhalten, und schenke uns die Kraft zur Versöhnung. Danke, dass Du immer mitten unter uns bist! Amen.

Zum Schluss:
Vergesst nicht, Euch ein Puzzleteil mitzunehmen. Möchtet Ihr selbst mit auf dem Selfie der Heiligen Familie sein? Dann sucht nach einer leeren Stelle auf dem fertigen Puzzle und klebt Euer Selfie dort ein, winzig, aber dabei.

Resonanz

Die Annahme der Aktion war für die Größe unseres Bistums überwälti­gend. Gerade die über die vorab eingerichteten Workshops erreichte Praxistauglichkeit war für die konkrete Umsetzung der Ausgangsidee sehr hilfreich. Relativ frühzeitig wurde zudem beschlossen, die Aktion auch über die Bistumsgrenzen hinaus zugänglich zu machen, die Öku­mene zu beteiligen und die Materialien unkompliziert zu verteilen. Über die Weihnachts-Internetseite des Bistums Erfurt und die Veröffent­lichung der Aktion auf www.pastorale-innovationen.de konnten neben den bistumsinternen Kommunikationswegen, der Presse und der Mund-zu-Mund-Propaganda viele Menschen erreicht werden, die ange­sichts der Pandemie auf Ideensuche waren. Circa einhundertmal wurde die Grundausstattung mit insgesamt 8500 Puzzles verschickt, wobei gerade die digitale Variante noch weiter verbreitet wurde, so dass sich die gesamte Nutzergruppe gar nicht erfassen lässt. Über das gesamte Bundesgebiet verteilten sich die Anfragen und auch aus Österreich und der Schweiz gab es Bestellungen der Materialien. Durch die vollständig aufbereiteten Stationsinhalte waren auch kurzfristige Umsetzungen und der Versand des digitalen Materials unkompliziert möglich. So erreichte uns die letzte Anfrage am 22.12.2020. Die Rückmeldungen nach Weihnachten und die per Videokonferenz durchgeführte Auswer­tungsrunde mit der „Praxis vor Ort“ waren durchweg positiv. Immer wieder wurde signalisiert, dass auch Menschen ohne Bezug zur Kirche das Angebot dankbar angenommen haben. Auch ein Stadtteil in Erfurt hatte von der Aktion erfahren und den Stationenweg eigenständig umgesetzt. Ein paar Impressionen und O-Töne möchten wir gern als Zeichen der Verbundenheit, Dankbarkeit und Vielfalt teilen:

„Insgesamt wurden von den 200 Startertüten, die ich vorbereitet hatte, exakt 150 Stück mitgenommen – für unsere Diasporaverhältnisse ist das eine stolze Zahl, finde ich! Auch die Rückmeldungen, die wir persönlich erhalten haben, waren ausnahmslos positiv – die Menschen haben sich gefreut!“
(Saalfeld/Bad Blankenburg)

„Es war so schön, immer wieder sah man Familien mit ihren Kindern und den Kerzen (wir hatten in die Startertüten unsere Prozessions­kerzen mit einem roten Schirm gepackt) laufen. Danke für Ihre wunderbar ausgearbeitete Vorlage, es war wirklich sehr schön.“
(Langensendelbach)

„Vielen Dank für die schöne Idee und die schnelle, kurzfristige Unterstützung!“
(Halle)

„Weihnachten am Wegesrand kam super mega in Worbis an. Wir haben dazu so viele nette liebe Kommentare bekommen. Unter anderem, dass es schöner als das sonst gängige Weihnachtsprogramm war.“

„Eigentlich könnte man in einem Satz die Aktion bewerten: ‚Einfach Klasse und eine gute Idee!‘“
(Lengenfeld/Stein)

„Also bei uns lief die Aktion gute drei Wochen und anhand der Resonanz und der gesammelten Puzzleteile kann ich sagen, dass sie ein voller Er­folg war! Viele Menschen, besonders Familien, waren unterwegs und haben sich sehr über die Aktion gefreut. Wir wurden auch schon gebe­ten, so etwas zu wiederholen, auch wenn ‚normale‘ Gottesdienste wieder möglich sein werden.“
(Evangelische Kirche Angelhausen-Oberndorf/​Arnstadt)

„Toll, dass Evangelische und Katholische hier zusammen was machen.“
(Angelhausen-Oberndorf/Arnstadt)

„‚Weihnachten am Wegesrand‘ war in Diedorf ein voller Erfolg. Beson­ders Heiligabend sind Massen durch die Straßen gezogen. Gut ange­kommen sind besonders die Aktionen: das Eintragen in die Liste, das Zollstockviereck usw. Wir haben eine Station noch erweitert und haben beim Pfarrhaus Teelichte in die Kiste gelegt, die dann in die Kirche gebracht und beim Krippchen angezündet werden sollten. Ich würde mich über an ähnliches Angebot an Ostern freuen, allerdings habe ich eine wichtige Bitte: Gestaltet die Stationen weniger textlastig. Beson­ders für jüngere Kinder war es schwierig, lange ruhig stehen zu bleiben und nur zuzuhören. Ich fände es gut, wenn stattdessen eventuelle Aktionen ausgebaut werden könnten.“

Ausblick

Gerade die Reaktionen von außerhalb des Bistums haben gezeigt, dass mit Blick auf zukünftige pastorale Arbeit eine Vernetzung und ein un­bürokratischer und unkomplizierter gegenseitiger Austausch kreativer Ideen fruchtbringend sein können. Ebenso wichtig erscheint uns für die Erstellung bistumsweiter und darüber hinausreichender Angebote die konzeptionelle Einbindung von Menschen aus der Praxis vor Ort. Dies gilt sowohl für den Beginn als auch für die abschließende Reflexion solcher und ähnlicher Projekte. So kann zum einen die Praktikabilität gewährleistet und zum anderen die Akzeptanz und Annahme der Angebote erhöht werden.

Aufgrund der positiven Erfahrungen, dem Wunsch der Nutzer vor Ort und der andauernden Pandemie hat die Idee „Weihnachten am Weges­rand“ zu Ostern und Pfingsten zwei Fortsetzungen gefunden. Allen Helfern, Unterstützern und den vielen haupt- und ehrenamtlichen Verantwortlichen vor Ort sei an dieser Stelle ein Dank ausgesprochen. Ihre Rückmeldungen haben uns sehr gefreut. Es ist wieder Sommer und die Inzidenzwerte sind niedrig. Manche spekulieren auf ein Ende der Pandemie, andere prophezeien eine vierte Welle. Bald ist Weihnachten. Zeit für neue Ideen.