Inhalt

Quo vadis, Kirche? Wo man hinkäme, wenn man losginge …

Erfahrungen aus der Begegnung mit Menschen, in deren Leben Gott und Glauben nicht (mehr) vorkommen

Angesichts einer Vielfalt an Lebenseinstellungen inmitten unserer heutigen (zunehmend) säkularisierten Umwelt steht Kirche vor der Herausforderung, die Frage nach Gott ganz neu stellen zu müssen, damit ein konstruktiver Dia­log gelingen kann – gerade auch mit Menschen, für die Gott und Glaube kein Thema mehr ist oder nie war. Dabei geht es darum, zeitgemäß erfahrbar zu machen, dass der Glaube für das Leben eine Relevanz haben kann. Doch um eine zukunftsorientierte Pastoral gestalten und in kirchliche Transforma­tionsprozesse einbringen zu können, sind neue Paradigmen notwendig.

Und das heißt zunächst einmal: wahrzunehmen, dass eine überwäl­tigende Mehrheit von knapp 80 % der Bevölkerung in Ostdeutschland keiner Religionsgemeinschaft angehört und Kirche damit vor die Her­ausforderung stellt, sich in einer religionsfreien Umgebung orientieren und auf die Suche machen zu müssen nach einem konstruktiven Um­gang damit. Und das umso mehr, als dass dieses Phänomen wohl künftig immer mehr der Normalfall von Kirche- und Christsein heute wird. Und so verfolge ich in meiner Arbeit den Ansatz des „urban churching“ und initiiere zum einen citypastorale Projekte, die bewusst an urbanen Orten realisiert werden, an denen sich die alltäglichen Lebensvollzüge der Menschen ereignen. Zum anderen bieten immer wieder (Stadt‑)​Events einen Ansatzpunkt für ungewöhnliche Angebote und machen die Stadt als spirituellen Raum erlebbar. Darüber hinaus ermöglichen Projekte, die existentielle Fragestellungen thematisieren („Bevor ich sterbe, möchte ich …“, „Was ist dir heilig?“ …), eine persönliche Ausein­andersetzung mit eigenen biografischen Erfahrungen und Wertvor­stellungen.

So werden urbane Orte und säkulare Kontexte zu (temporären) Orten der Glaubenskommunikation, an denen erfahrbar wird, dass die Kirche Gott und Glaube nicht erst zu den Menschen bringen muss. Er ist schon da! Diese Art von Pastoral fordert dazu heraus, sich auf die Lebensvoll­züge der Menschen einzulassen, anstatt vorgefertigte Pastoralkonzepte abzuarbeiten, die nicht den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Denn bei diesen Begegnungen geht es nicht um kirchliche Belange und Interessenvertretung, sondern um die Welt und die Wirkmacht des Evangeliums in der Welt.

Durch dieses „Sich-Einlassen“ lernt Kirche, dass die Menschen, in deren Leben Gott und Glaube nicht vorkommen, allenfalls „anders“, vielleicht auch „fremd“ sind, aber keinesfalls defizitär oder mangelhaft (vgl. Tiefensee 2020, 19). So gilt es, die „Andersheit“ der Anderen zu würdi­gen. Denn inmitten einer großen Vielfalt an Lebenseinstellungen ist religiöser Glaube zur persönlichen Entscheidung jedes Einzelnen gewor­den. Deshalb können citypastorale Angebote den Stadtnutzer:innen einen temporären, passageren „Denkraum“ eröffnen, auf dessen Hintergrund die Menschen eigenverantwortlich ihre Lebensvollzüge deuten können.

Dabei gilt es, realistisch wahrzunehmen, dass der Kirche vielfach nur noch eine „Außenseiterposition“ zugeschrieben wird:

„Am Rande der Welt situiert zu sein, ist keine günstige Ausgangslage für einen, der vorhat, die Welt neu zu erschaffen.“
(Simone de Beauvoir, französische Schriftstellerin und Philosophin)

Sehr günstig hingegen wäre, wenn Kirche lernen würde, die weltan­schauliche Pluralität als eine Bereicherung wertzuschätzen und anzu­erkennen, dass unser Gegenüber die Deutungshoheit über seine (reli­giösen) An- und Einsichten hat und eigenständig entscheidet, in wel­chem Glauben bzw. Bezugssystem er seine Erlebnisse interpretieren will. Denn Kirche hat kein Deutungsmonopol mehr und tut gut daran, sich auf Vieldeutigkeit einzustellen. Damit verbietet sich jeder kate­chetisierende, pädagogisierende, moralingeschwängerte oder beleh­rende Impetus von selbst. Vielmehr müssen die Menschen von der Kirche erwarten dürfen, dass diese ihnen etwas anbietet, das sie unmittelbar angeht und betrifft. Ein solches Vorgehen ermöglicht Begegnungen auf Augenhöhe und ein Miteinander-und-voneinander-Lernen, bei dem jeder involviert ist und motiviert wird, sich selber auseinanderzusetzen und seine Sicht auf „Gott und die Welt“ in den (gesellschaftlichen) Diskurs einzubringen. So kann Glaube zu einem Leben auf der Höhe der Zeit befähigen. Denn Christsein sollte dazu inspirieren, dem Geheimnis seines Lebens auf die Spur zu kommen.

Auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen in der Citypastoral sind mir dazu vier Haltungen bzw. Handlungsoptionen wichtig:

 

(1) Bereitschaft zu einem Perspektivwechsel, einer „Umänderung der Denkart“ (Immanuel Kant). Denn: „Gegen die Realität hilft kein Wünschen. Sie stellt Aufgaben“ (Rainer Bucher).

Zu diesen Aufgaben gehört es, anzuerkennen, dass die Diaspora-Erfah­rung immer mehr eine Grundsituation von Kirche und Christsein heute und der kirchliche Normalfall der Zukunft wird. Diese Situation ist davon geprägt, dass viele Menschen durchaus noch an Gott/​etwas Göttliches glauben – aber eben nicht mehr an die Kirche, der allzu oft angelastet wird, belehrend und besserwisserisch aufzutreten, anstatt eine eher tastende Gottesrede an den Tag zu legen, welche die Abgründe des Nicht-Verstehens, der Nicht-Erfahrbarkeit Gottes nicht einfach überspringt (Tomáš Halík), sondern durchscheinen lässt, dass auch sie von Zweifeln und Ungewissheit geprägt ist und sich in einer ständigen Suchbewegung befindet.

Hinzu kommt, dass das Kirchensystem sich ständig mit sich selbst und seinen hausgemachten Problemen beschäftigt (sei es die Bildung grö­ßerer pastoraler Einheiten, die Rolle der Frauen in der Kirche, der Um­gang mit Machtstrukturen, verschiedene Formen von Missbrauch …). So verliert Kirche die Fragen und Bedürfnisse der Gesellschaft und die alltäglichen Sorgen der Einzelnen aus dem Blick und bekommt häufig zurückgespiegelt, dass ihr in der Bewältigung von alltäglichen Bedarfen keinerlei Kompetenz zugesprochen wird und sie zu wenig Gespür dafür hat, was die Menschen bewegt. Denn das System Kirche ist zu sehr darauf bedacht, dass die „Welt“ (d. h.: die anderen) umkehren müsste, als dass es an seine eigene „Umkehr“ denken würde. So bietet Kirche oftmals Lösungen für Probleme, die viele Menschen gar nicht haben, und gibt Antworten auf Fragen, die ihr nicht gestellt wurden. Deshalb überzeugt mich der Ansatz der französischen Bischöfe, die bereits 1996 in einem Hirtenbrief formulierten, dass es darauf ankomme, den Glau­ben vorzuschlagen und anzubieten (vgl. Les évêques de France 1996; dt.: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2000). Was die anderen dann daraus machen, liegt in deren Verantwortung.

 

(2) Alltagsrelevanz statt Bedeutsamkeitsvakanz: „Ich finde heraus, was die Welt braucht. Und dann erfinde ich es“ (Thomas Alva Edison, US-ameri­ka­nischer Erfinder).

Doch um herauszufinden, „was die Welt braucht“, muss Kirche mitten­drin sein auf dem „Areopag unserer Zeit“, da, wo sich das (alltägliche) Leben abspielt. Dazu sollte Kirche noch viel entschiedener und konse­quenter als bisher säkulare Kontexte als genuine „places to be“ für Kir­che implementieren, wo sie sich als elementarer Player neben all den urbanen Anbietern etabliert und ihre unverzichtbare Grundmelodie in den Sound des Lebensumfelds einbringt. Nur so kann sie den Alltag der Menschen zum (Resonanz‑)​Raum des Glaubens werden lassen und so zukunftsfähig werden. Doch das setzt voraus, weniger eine Pastoral nach dem „Prinzip Gießkanne“ zu betreiben als vielmehr zielgruppen- bzw. bedürfnisorientiert zu fragen: Was haben die Menschen davon, dass es uns gibt?! Und: Würden wir es auch tun, wenn es uns nichts bringt (vgl. Tiefensee 2020, 18)? Denn es geht nicht um ein kirchliches Comeback, keine Rechristianisierung, sondern eine Neu-Gründung von Kirche.

Eine solche Pastoral orientiert sich maßgeblich an der klassischen Hal­tung Jesu, die von einem brennenden Interesse am Leben der anderen geprägt war: „Was soll ich dir tun?“ (Mk 10,51) sowie der Erkenntnis „Dein (!) Glaube hat dir geholfen“ (Mk 5,34). Denn nur so gewinnen wir Glaubwürdigkeit und stehen nicht unter dem Verdacht, „die anderen“ „auf unsere Seite“ ziehen zu wollen, um unsere Kirchenstatistik aufzumöbeln.

Zugleich lernt Kirche durch das Heraustreten aus der Enge der Kirchen­blase, wie unser Glaube in den heutigen Lebenskontexten funktionieren und welche Vitalität und Dynamik das Evangelium darin entfalten kann.

Deshalb gilt es, ungewohnte Wege zu gehen und zum einen mit der (Froh‑)​Botschaft kreativ zu überraschen, zu inspirieren und zu irri­tie­ren, positiv zu provozieren, um deren „Sprengstoff“ zeitgemäß anbie­ten zu können, und zum anderen gesellschaftsrelevante Themen bzw. existentielle Lebensfragen zu platzieren, die das Gegenüber invol­vieren und zu einer persönlichen Auseinandersetzung stimulieren.

Doch wenn Kirche Alltagsrelevanz gewinnen will, kommt sie nicht umhin, eine allgemeinverständliche

 

(3) Sprachfähigkeit zu trainieren. „Sagen eigentlich nur Theolog:innen ‚sprachfähig sein‘ für ‚so reden, dass ein normaler Mensch eine Chance hat, einen zu verstehen‘?“ (Frage einer Userin bei Twitter).

Wenn der Glaube für den Alltag nützlich sein soll, so ist der Kirche ein Dreischritt aufgetragen, denn es gilt zunächst, (1) die Bedarfe der Men­schen zu identifizieren, für die dann (2) ein geistliches Äquivalent gefunden werden muss, um das kirchliche „Alleinstellungsmerkmal“ und Spezifikum herauszuarbeiten, und (3) diese geistliche Entspre­chung wieder rückzuübersetzen in alltagstaugliche Sprache. Nur dann wird Kirche gehört (vgl. dazu Eva Jung).

Dabei kommt es darauf an, keine Lehrmeinungen zu verkünden, son­dern Geschichten zu erzählen, die vom Leben künden und dieses tief­gründig erschließen. Denn ein solches Storytelling schafft Identifikation und ermöglicht, eigene Glaubensüberzeugungen narrativ auszu­drü­cken. So kann es gelingen, die Relevanz des Evangeliums für das eigene Leben zu entdecken und zu kommunizieren. Da sein, wo „die anderen“ sind, heißt heutzutage mehr denn je, auf zwei weitere Berei­che den Fokus zu setzen: nämlich zum einen, in den sozialen Medien präsent zu sein – und zwar nicht nur in Form von vereinzelten „Alibi-Kolleg:innen“ mit einem (Teil‑)​Auftrag für digitale Glaubenskommuni­kation, sondern als Gesamtsystem Kirche, das auf vielfältige Weise diese Medien nutzt und bespielt. Denn die digitale Kirche hält uns in mehr­facher Hinsicht einen Spiegel vor, ist sie doch in hohem Maße eine Beteiligungskirche, die großen Wert auf Kommunikation, Interaktion, Partizipation und offenen Diskurs legt. Darüber hinaus sprengt digitale Kirche die klassi­schen Grenzen der Ortsgemeinde und etabliert sich dezentral. Dabei werden Hierarchien aufgeweicht, denn was zählt und worauf es an­kommt, ist Schwarmintelligenz. Nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie wurde zusätzlich ein digitaler Schub ausgelöst, der auch für die Kirche unumkehrbar ist und eine deutliche Spur für deren Zukunft legt. Denn diese wird gleichermaßen analog und digital sein.

Zum anderen wird es für Kirche immer existentieller, ein deutliches Augenmerk auf die Professionalisierung medialer Glaubenskommuni­kation sowie die Neuentdeckung und Entwicklung einer urbanen Mar­tyria zu legen, d. h. durch inhaltsstarke, aussagekräftige, gut durch­dachte öffentlichkeitswirksame Kampagnen sowie ein gemeinsames, vielleicht sogar bundesweit einheitliches Erscheinungsbild in Bezug auf Logo und Branding nachhaltig auf dem Radar der Öffentlichkeit aufzu­tauchen. Eine gezielte, durchkomponierte Markenkommunikation brächte darüber hinaus den Effekt, dass Kirche gewichtiger und profi­lierter wahrgenommen werden würde.

 

(4) Think big and out of the box: „Große Gedanken brauchen nicht nur Flügel, sondern auch ein Fahrgestell zum Landen“ (Neil Armstrong, amerikanischer Astronaut, erster Mensch auf dem Mond).

Die dringend notwendige Transformation der Kirche ist ein solcher „Flügel“ – und das „Fahrgestell zum Landen“ die nüchterne Erkenntnis, dass es nicht darum gehen kann, ein dauerhaft krisengeschütteltes System durch vereinzelte innovative Ansätze stabilisieren zu wollen (Systemerhalt). Vielmehr gilt es, das systemverändernde Potential experimenteller Pastoral, die sich (auch) in urbanen Kontexten veran­kert weiß, zu fördern. Denn das bestehende System ist nicht mehr kompatibel mit der heutigen Lebenswelt, weshalb gewissermaßen ein neues „Betriebssystem“ erforderlich ist. Dazu bedarf es aber einer deutlichen Disruption: d. h. eines Impulses, der uns unterbricht in dem, wie wir es immer schon gemacht haben, und die Frage aufwirft, was denn wirklich unser Kern(geschäft) ist – und wie wir unsere Formate anpassen müssen, um dem gerecht zu werden. Eine solche Störung im System bzw. im Betriebsablauf bietet die Chance, daran zu wachsen und sich weiterzuentwickeln, da sie es erleichtert, etablierte Formen zu hinterfragen, auf dem Hintergrund der Erfahrung, dass der „Status quo“ nicht mehr den aktuellen Erfordernissen Rechnung trägt. Dennoch leichter gesagt als getan, denn „sich gern stören lassen“ müsste als Haltung in der Kirche erst noch entwickelt werden. Das würde zudem beinhalten, Überholtes sterben zu lassen bzw. Bewährtes auf dem Hintergrund neuer Erfahrungen neu deuten zu lernen und sich nicht sklavisch auf vorgefertigte und abzuarbeitende Pastoralpläne zu fixie­ren, sondern Freiräume zu ermöglichen, in denen Neues entstehen kann. Dabei reicht es nicht, sich auf vereinzelte „Leuchtturmprojekte“ mit Strahlkraft zu fokussieren, denn eine nachhaltige Veränderung kommt erst zustande, wenn kleinere Initiativen mit langfristigen Prozessen ineinandergreifen.

Doch dazu braucht es fluidere, agilere Formen des Kircheseins, die das versäulte Denken aufsprengen und mehr Beweglichkeit ins System bringen. Ebenso wichtig: innerkirchliche Neudefinitionen wie beispiels­weise ein entschiedenes Plädoyer für neue, vielfältige Formen des Kir­cheseins (vgl. Hennecke 2021: „mixed economy of church“) statt einer eindimensionalen, monokulturellen Pastoralpraxis, die sich ausschließ­lich auf (überholte) volkskirchliche Pfarreistrukturen beschränkt und allzu oft ekklesiozentristisch ausgerichtet ist. Doch um nachhaltig innovative Aufbrüche entwickeln und etablieren zu können, bedarf es nicht nur entschiedener struktureller Unterstützung und einer gezielten Umverteilung der vorhandenen Ressourcen, sondern ebenso der Not­wendigkeit, ein neues binnenkirchliches Miteinander zu entwickeln. Das Abflachen hierarchischer Strukturen sowie die Auflösung klassi­scher Berufsbilder gehören ebenso dazu wie ein gewisser Verzicht auf Kontrolle (der freilich von einer Laisser-faire-Haltung zu unterscheiden ist). Gefragt ist somit die Abkehr von einer Verwaltungspastoral hin zu einer „Ermöglichungspastoral“, die als emanzipativer Vorgang (Em­powerment) zu verstehen ist und auf Eigenverantwortlichkeit setzt.

 

Und schließlich würde die Entscheidung für eine solche Pastoral auch erhebliche Konsequenzen im Bereich des Personalmanagements nach sich ziehen: so zum Beispiel (1) die gezieltere Nutzung von Personal­ressourcen, bei der verstärkt Talente, Begabungen und Charismen der pastoralen Akteure bei der Vergabe von Zuständigkeiten bzw. der Gestaltung von Stellenprofilen berücksichtigt werden sollten. Ebenso unerlässlich: die (2) Ausdifferenzierung einer neuartigen Rollenarchi­tektur, in der die alten Berufsgruppen keine Rolle mehr spielen, da wir uns inmitten eines fundamentalen Kulturwandels befinden, der tief in die kirchliche DNA reicht, denn kirchliche Mitarbeiter:innen bringen oftmals zu einheitliche Qualifikationen mit. Dafür fehlen für ein selbst­bewussteres, zeitgemäßes, frisches Auftreten von Kirche vielfach sys­temfremde Fähigkeiten wie beispielsweise professionelles Grafikdesign, Marketingexpertise, digitales Know-how, ein Finanz- und Fundraising-Profil, Influenzertum, ästhetisches Empfinden, handwerkliches Ge­schick, Networking, Start-up-Mentalität, Change-Management. Wichtige Voraussetzungen, um schlagkräftige, multiprofessionelle Teams bilden zu können, die zu einem entscheidenden Motor für Veränderungen in der Kirche werden könnten, da sie die Fähigkeit mitbringen, die Jonny Baker, Direktor der Missional-Pioneer-Ausbil­dung in Oxford, einmal in einem Vortrag treffend als „the gift of not fitting in“, „die Gabe, nicht (ins System) zu passen“, bezeichnet hat (vgl. Baker/​Ross 2014).

Binnenkirchlich vielfach unterentwickelt und deshalb ebenfalls ein wichtiger Aspekt, um die notwendige Transformation der Kirche initiieren zu können: (3) die Förderung einer Fehlerkultur, was zum einen Fehlerfreundlichkeit auf Seiten der Leitung und zum anderen Fehlerfreudigkeit auf Seiten der Akteur:innen beinhaltet, denn Inno­vation entsteht von unten nach oben, während Innovationsmanage­ment nur von oben nach unten geht (vgl. Florian Sobetzko). Dabei ist mit „echter Innovation“ nicht einfach generell eine neue gute Idee gemeint. Entscheidend ist, dass diese Idee auf die Nutzer:innen bezogen ist, sich für diese als brauchbar und hilfreich erweist und auch lang­fristig bewährt sowie mit vertretbarem Aufwand machbar ist (vgl. Sobetzko/​Sellmann 2017, 42). Nicht umsonst sprießen derzeit an verschiedenen Orten sogenannte „fuck up nights“ aus dem Boden, die das Scheitern salon- und gesellschaftsfähig machen wollen und auch von kirchlichen Player:innen rezipiert werden (vgl. die „Fuck Up Stories“ des QuellPunkt Aachen).

Nicht zuletzt müssen (4) kirchenverändernde Prozesse vonseiten der kirchlichen Leitungsebene(n) ausdrücklich gewollt und unterstützt werden, damit sie nicht vom kirchlich Eingefahrenen und Traditionellen kannibalisiert werden und den angestrebten Transformationsprozess nachhaltig initiieren können. Dafür unverzichtbare Qualifikationen in Bereichen wie Kirchenentwicklung, Changemanagement, Innovations­forschung stehen im Fokus verschiedener wissenschaftlicher Institu­tionen und sollten entschiedener ausgebaut werden (Beispiele: Lehr­stuhl für missionarische Kirchenentwicklung an der CVJM-Hochschule Kassel, Zentrum für angewandte Pastoralforschung [ZAP] in Bochum). Untrennbar mit diesen „Erfordernissen“ verbunden ist die Notwen­digkeit einer (5) stringenten und systematisierten Weiterbildung des Personals, etwa durch das Angebot ergänzender und spezieller Studien­gänge, um auf die veränderten Rahmenbedingungen kirchlicher Berufe und den ständigen Wandel kontextueller Gegebenheiten professionell reagieren zu können (Beispiele: Studiengang „Crossmediale Glaubens­kommunikation“, Bochum; Qualifizierung zum Thema „Pioneering“, Mainz; Innovations- und Gründertraining Kirche, Aachen). Um pasto­rales Tun wissenschaftlich fundieren und evaluieren zu können, ist eine engere Verzahnung von Theorie und Praxis notwendig.

 

So. Und jetzt?

Um mit den Worten des britischen Schriftstellers Lewis Carrol zu sprechen:

„Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus am besten weiter­gehe?“, fragt Alice im Wunderland die orakelnde Cheshire-Katze. Die maunzt: „Das hängt sehr davon ab, wo du hinwillst!“ (Lewis Carrol, britischer Schriftsteller, Autor von „Alice im Wunderland“).

Genau das ist vermutlich eines der Probleme der Kirche: dass sie viel­fach nicht zu wissen scheint, wo sie hinwill, und eher ziellos vor sich hin mäandert, anstatt sich mit einer klaren Zieloption entschieden auf den Weg zu machen. Die für mich wesentliche Ziellinie: neu Kirche denken und gestalten. Wesentliche Markierungen auf diesem Weg: das Funda­ment unserer geistlichen Quellen. Die wegweisenden Impulse des 2. Vaticanums. Das sensible Wahrnehmen der Zeichen der Zeit. Deren Aktualisierung auf den jeweiligen Lebenskontext hin. Die Bereitschaft, sein Kirchenbild immer wieder von der (Um‑)​Welt infrage stellen zu lassen. Die Herausforderung, dass Schritte zur Förderung kirchlicher Transformation auch im gesellschaftlichen Diskurs von Bedeutung sein und nicht-kirchlichen Qualitätsansprüchen genügen müssen. Das Ein­gehen von Kooperationen und Allianzen, um Synergien freizusetzen. Eine Vision von dem, was Christsein in Zukunft ausmachen wird – und deren Übertragbarkeit in verschiedenste Kontexte hinein (Skalierbar­keit). All das würde ich Alice auf ihre Frage antworten – neugierig auf das Wunderland, das sich dann womöglich eröffnet.