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Biblische Schlaglichter auf die Frage der Stellvertretung

In welcher Form findet sich der Gedanke der Stellvertretung im Alten und Neuen Testament? Markus-Liborius Hermann gibt einen Überblick und geht auf zwei zentrale Texte näher ein.

Der Begriff „Stellvertretung“ ist nicht biblisch. Weder im Alten noch im Neuen Testament kommt er vor. Aber in der Sache findet sich das, was im 17. Jahrhundert mit dem Begriff „Stellevertretung“ bezeichnet wur­de, auf vielfältigste Weise. Die unterschiedlichen biblischen Vorstellun­gen der Stellvertretung sind heute jedoch nicht mehr einfach theolo­gisch zu plausibilisieren und anthropologisch anschlussfähig zu ma­chen. Doch entgegen dem vielfach unternommenen Versuch, angesichts des „modernen Menschen“ bzw. „aufgeklärten Zeitgenossen“ einfach auf sperrige Begriffe und biblische Konzepte zu verzichten und sie durch neue (aber doch ebenso erklärungsbedürftige) zu ersetzen, will dieser Beitrag versuchen, die biblische Semantik der Stellvertretung an Bei­spielen zu erschließen – auch und gerade angesichts der Tatsache, dass biblisch „Stellvertretung […] nicht gleich Stellvertretung“ (Schaede 2011) ist.

Stellvertretung im Alten Testament

Im Alten Testament kommt das Stellvertretungsmotiv vor allem in soteriologischen Texten vor, in denen es „um ein Eintreten von einer Instanz in der Situation bzw. Existenz einer anderen Instanz geht“ (ebd.). Der Gedanke der Stellvertretung wird hier vor allem durch präpositional näher bestimmte Verbalkonstruktionen ausgedrückt. Dabei finden sich verschiedene Bedeutungsaspekte des Stellvertre­tungsgedankens: die Repräsentation, die Interzession, die Lebens­hingabe, die Schuldübertragung/​-übernahme und der Ersatz, wobei v. a. die Repräsentation und das stellvertretende Schuldtragen her­ausstechen. Diese Bedeutungsaspekte finden sich „in zentralen Lebens- und Vorstellungsbereichen des alten Israel: im Königtum, in der An­thropologie, in der Prophetie, im Kult und im Recht“ (Janowski 2007, 31).

Im Fall der Repräsentation findet sich beispielsweise eine „enge Ver­bin­dung zwischen der Person des/​der Vertretenden und dem, den bzw. das er oder sie repräsentiert“ (ebd.). Im AT erscheint v. a. der König als „Re­präsentant“ oder „Mittler“ Gottes (Jer 26,19; Ps 72 u. ö.). Die Inter­zession findet sich v. a. bei den Propheten, die als „Fürbitter“ Israels auftreten (Ex 32,7–14.30–34; Jer 15,10–20). Der Aspekt der Lebenshingabe bezieht sich v. a. auf Opfertiere, die anstelle des Opfernden getötet werden (vgl. Lev 1). Als Ersatz oder „Vergegen­wärtigung“ des Originals kommt das Bild in den Blick. Von besonderer Bedeutung ist der Aspekt der Schuld­übertragung bzw. -übernahme. Dabei „geht es um eine Arbeit oder Last, von der die Person, die vertreten wird, verschont wird (Entlastung), während der Vertreter seine stellvertretende Tätigkeit mit eigener Ver­antwortung ausübt“ (ebd.). So fasst entsprechend C. Gestrich zusam­men: „Der Vikar tut etwas statt eines anderen, der Repräsentant für einen anderen“ (Gestrich 2001, 219). Wichtige Beispiele sind hier u. a. der Gottesknecht als „leidender Gerechter“ (Jes 52,13–53,12) und der Sündenbock als „ritueller Unheilsträger“ (Lev 16,20–22). Das Motiv des „leidenden Gerechten“ sei an dieser Stelle eingehender betrachtet.

 

Das vierte Gottesknechtslied (Jes 52,13–53,12)

Das vierte Gottesknechtslied kann in seiner Bedeutung kaum über­schätzt werden. Es bildet innerhalb des AT „theologisch vielleicht [die] anspruchsvollste Form der Schuldbewältigung“ (Janowski 2007, 53). Doch zunächst der Text:

„52,13 Siehe, mein Knecht wird Erfolg haben, er wird sich erheben und erhaben und sehr hoch sein.

14 Wie sich viele über dich entsetzt haben – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen –,

15 so wird er viele Nationen entsühnen, Könige schließen vor ihm ihren Mund. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt.

53,1 Wer hat geglaubt, was wir gehört haben? Der Arm des HERRN – wem wurde er offenbar?

2 Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.

3 Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.

Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.

Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.

6 Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der HERR ließ auf ihn treffen die Schuld von uns allen.

7 Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf.

8 Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Vergehen meines Volkes zu Tode getroffen.

9 Bei den Frevlern gab man ihm sein Grab und bei den Reichen seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.

10 Doch der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten. Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nach­kommen sehen und lange leben. Was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen.

11 Nachdem er vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.

12 Deshalb gebe ich ihm Anteil unter den Großen und mit Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Abtrünnigen rechnen ließ. Er hob die Sünden der Vielen auf und trat für die Abtrünnigen ein.“

S. Schaede weist auf vier für die Frage der Stellvertretung entscheidende Aspekte des Gottesknechtsliedes hin: 1) Der Gottesknecht leidet nicht wegen seines eigenen, sondern wegen eines fremden Tuns (53,5a: „er wur­de durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zer­malmt“); 2) in ihm sind „die Schmerzen und die Krankheit der Vielen präsent“ (Jer 53,4b; Schaede 2011); sein Leben wird von Gott als Schuld­­opfer (Jes 53,10) 3) eingesetzt und 4) anerkannt. Durch die Initiierung und Anerkennung ist letztlich „Gott […] derjenige, der den Vertretenen in dieser Weise aus einer Situation heraushilft, aus der sie mit eigener Kraft nicht herausfinden“ (Schaede 2011). Entscheidend ist dabei, dass „nicht das Leiden seines Knechts […] JHWHs Plan [ist], sondern die Rettung Israels – aber JHWH ließ es zu, daß sein Knecht um dieser Ret­tung willen ins Leiden gerät“ (Janowski 2007, 58). Durch dieses stell­vertretende Geschehen wird für Israel, das selbst an einem „toten Punkt“ angekommen ist, von Gott selbst eine Zukunft eröffnet.

Bild: © Ejti Stih.

Stellvertretung im Neuen Testament

Auch im Neuen Testament wird der Gedanke der Stellvertretung v. a. mit Hilfe von Verbalkonstruktionen ausgedrückt, die durch Präpositio­nen näher bestimmt werden: anti (z. B. Mk 10,45 par. Mt 20,28), dia (z. B. Röm 4,25; 1 Kor 8,11), peri und besonders hyper (z B. Mk 14,24; Mt 26,28; 1 Kor 15,3; 2 Kor 5,14). Die jeweilige Sinnspitze der Stell­vertretung muss allerdings von Text zu Text beurteilt werden: „Die semantische Vielfalt und der verbale Ereignischarakter gehören zu den Kennzeichen der neutestamentlichen Stellvertretungsaussagen. Ana­loges lässt sich für das Alte Testament feststellen“ (ebd. 11). Es sei nur darauf hingewiesen, dass sich im AT und NT auch Nominalwendungen im Blick auf die Stellvertretung finden lassen.

Theologisch grundlegend für das Verständnis der Stellvertretung im NT ist die Deutung des Todes Jesu: Jesus, der Christus, ist gemäß biblischer Überlieferung „für uns“ gestorben (Röm 5,8; vgl. 1 Kor 15,3; 1 Thess 5,10 u. ö.). „Ohne aus ihr zu flüchten oder sich zu drücken, wie wir das tun“ (Breuning 1986, 82), ist er mit seinem Leiden an die Stelle der Menschen getreten. Dies gehört zum Kernbestand des christlichen Glaubens. Dass dieser Gedanke auf zahlreiche Vorurteile trifft, ist nicht neu. Die Kritik entzündet sich v. a. am „klassischen“ Missverständnis biblischer Sühne­theologie, das Sühne als „Versöhnung/​Besänftigung der durch die menschliche Sünde verletzten Majestät Gottes“ (Janowski 2007, 37) interpretiert: Was für ein Gott fordert solch blutige Satisfaktion für seine verletzte Ehre? – lautet die damit verbundene, letztlich aber ins Leere laufende Frage. Gott selbst ist vielmehr in Jesus, dem Christus, für den Menschen, für alle Menschen, eingetreten, um sie aus der Macht der Sünde zu befreien. Die Stoßrichtung der Stellvertretung ist immer soteriologisch, sie zielt auf das Heil der Menschen, nicht auf die Befrie­digung eines in seiner Ehre o. Ä. verletzten Gottes. Der oben „für Jes 53 [beschriebene] signifikante Zusammenhang von aktiver Lebenshingabe und passiver Leidensübernahme prägt auch die Jesusüberlieferung des Neuen Testaments“ (ebd. 59). Auch im Fall Jesu ist das Anliegen Gottes nicht in Jesu Leiden festzumachen, sondern in der angezielten Rettung. Eben darauf zielt das in diesem Kontext zu findende heilsgeschichtliche „Muss“ (vgl. Mk 8,31; 9,31; 10,33 f.; Lk 24,7), das auf die Notwendigkeit der Passion Jesu verweist. Faktisch ließ sich die „Macht der Zerstörung […] nicht anders überwinden […] als durch die Inkaufnahme des Todes durch Jesus“ (Dreher 1998, 120). Dies soll im Folgenden an einem Bei­spiel aus der johanneischen Theologie verdeutlicht werden.

 

Der gute Hirte (Joh 10,11–18)

10,11 Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für [hyper] die Schafe.

12 Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht; und der Wolf reißt sie und zerstreut sie. Er flieht, 13 weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.

14 Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15 wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.

16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.

17 Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen.

18 Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

Das Bild aus dem Johannesevangelium verdeutlicht eindringlich, wie sich Jesus mit dem „guten Hirten“ identifiziert. Dieser gibt in lebensbe­drohlicher Situation sein Leben stellvertretend „für“ die Schafe. Der gute Hirt geht bis zum Äußersten, bis in den Tod. Ein solcher Einsatz wird darüber hinaus auch in den neutestamentlichen Hingabeformeln deutlich (vgl. Gal 1,4; Eph 5,2.25; 1 Tim 2,6; Tit 2,14; Gal 2,20; Mk 10,45). Dass der Mensch gewordene Sohn Gottes den Tod erleidet, den eigentlich der Sünder erleiden müsste, bildet so die eigentliche Sinnspitze der Stellvertretung. Sie zeigt zugleich die absolute Erlö­sungsbedürftigkeit des Menschen und seine Begrenztheit an. Mit dieser Tat zerstört Gott aber nicht die Würde der menschlichen Person, so wie es manche Kritik unterstellt; Gott sucht den Menschen vielmehr an der Stelle, wo er versagt hat, schuldig geworden ist – wo er „am Ende“ ist. Und genau dort lässt er ihn laut biblischem Befund nicht allein.

Stellvertretung erscheint in der Schrift so nicht als Absage an die un­vertretbare Freiheit des Individuums, sondern als ein Geschehen, „das dem schuldig gewordenen Menschen dort geschenkt wird, wo seine eigenen Möglichkeiten zu Ende sind“ (Janowski 2007, 52). Konkret verdichtet sich dies in Jesus, dem Christus, der mit seinem Sterben „für uns“ an unsere Stelle, hinein in unsere ausweglose Gottesferne und Todesverfallenheit getreten ist. H. Schürmann hat dafür den Begriff der „Proexistenz“ geprägt, die auch im eucharistischen Brotwort („Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“; vgl. Lk 22,19) zum Ausdruck kommt (vgl. Schürmann 1972; 1985). Jesus hat sein Leben für andere hingegeben und ist damit in eine „bedingungslose Solidarität mit den Menschen“ (Janowski 2007, 83) eingetreten. Dies ist die „Konsequenz […] seines Lebens und d.h.: die äußerste Form seiner ‚Hingabe‘“ (ebd. 53). Finalsinn seines Lebens ist nicht sein Tod, sondern – biblisch ge­sprochen: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, son­dern ewiges Leben hat“ (Joh 3,16). Jesu Leben, Sterben, Tod und Auf­erstehung stehen unter dem Vorzeichen der liebenden Hingabe und Pro­existenz. Damit ist das Konzept der Stellvertretung für das Ver­ständnis des christlichen Glaubens von zentraler Bedeutung.