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„Räume des Glaubens eröffnen“

Ein Versuchslabor für Zukunftsformen des Christentums

Auf dem Hintergrund der Frage nach Kirchenentwicklung stellt Daniel Born das 2019 vom Bonifatiuswerk initiierte Förderprogramm Räume des Glau­bens eröffnen vor. Er beschreibt dabei die vom Zentrum für angewandte Pastoralforschung (zap) entwickelte Kriteriologie und präsentiert zugleich einige exemplarische Projekte, die aktuell Teil des Programms sind.

Das Bemühen um eine missionarische Neuausrichtung beschäftigt die katholische Kirche in Deutschland nun schon seit einigen Jahrzehnten. Ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil (vgl. vor allem Lumen gentium) war insbesondere das Hirtenwort der deutschen Bischöfe Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein aus dem Jahr 2000 ein Meilenstein auf dem Weg neuer Aufbrüche des kirchlichen Wirkens. Es forderte von allen Getauften die Bereitschaft zum missionarischen Zeugnis und ent­faltete dieses in die Zeugnisse des Lebens, des Wortes, des Herzens, der Gemeinschaft und des je eigenen Apostolates. Wurden so die Grund­lagen einer missionarischen Pastoral in Deutschland vielfältig reflek­tiert, hat insbesondere Papst Franziskus in persönlicher und amtlicher Verkündigung die Relevanz einer missionarischen Grundhaltung der Kirche betont. Besonders wirkungsvoll war sein erstes Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, das mit seinem unkonventionellen und lebensnahen Stil ein gewaltiges Echo bei den katholischen Gläubigen hervorrief. Franziskus unterstrich darin nicht nur, dass die Begegnung mit Jesus Christus primär Freude bewirkt, sondern auch, dass diese Freude sich unweigerlich mitteilen will. Evangelisierung wird so zum Grundduktus der christlichen Existenz: „Wenn die Kirche zum Einsatz in der Verkündigung aufruft, tut sie nichts anderes, als den Christen die wahre Dynamik der Selbstverwirklichung aufzuzeigen“ (EG 10). Darauf aufbauend formulierte Franziskus das Postulat von der Evangelisierung als dem grundlegenden Paradigma allen kirchlichen Handelns (vgl. EG 15). Das Wort der deutschen Bischöfe Gemeinsam Kirche sein aus dem Jahr 2015 rezipierte schließlich diese Perspektive erneut für die deut­schen Diözesen und bezeichnete es als Kernaufgabe der Kirche, die „Ge­meinschaft mit Gott allen Menschen anzubieten“ (Gemeinsam Kirche sein 29).

Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken hat – im Rückgriff auf diese Bewegungen – 2008 sein Haupttätigkeitsfeld Diaspora überschrit­ten und sein Portfolio um die Förderung missionarischer Initiativen in ganz Deutschland ergänzt. Seither hat es eine Vielzahl von Projekten aus der Liturgie, Diakonie und Verkündigung gefördert und ist so zum Un­terstützer missionarischer Akteure und Gemeinschaften in den deut­schen Bistümern geworden. Bereits seit 2007 verleiht es darüber hinaus den Bonifatiuspreis für missionarisches Handeln in Deutschland, um besonders innovatives missionarisches Engagement in Kirche und Gesellschaft auszuzeichnen. Der mit insgesamt 6.000 € dotierte Preis wurde inzwischen sechsmal vergeben und hat den Einsatz zahlreicher Gemeinden, Verbände und Einzelpersonen gewürdigt. Die Zahl der Einsendungen belegt das große Interesse am Thema: Mehr als 200 Be­werbungen wurden für die letzte Preisverleihung 2019 eingereicht.

Kirchenentwicklung stärken

In den letzten Jahren hat insbesondere der Begriff Kirchenentwicklung eine zunehmende Bedeutung erfahren. Man versteht darunter die Suche nach zukunftsfähigen Formen der Kirche, die auch in säkularer Gesellschaft und unter veränderten Bedingungen christlichen Glauben lebendig ausstrahlen. Leitfragen dieser Suchbewegung sind unter ande­rem: Wie bleibt Kirche auch in Zukunft sichtbar und erfahrbar? Wie können Christen ihren Glauben bezeugen, wenn die Ressourcen der Gemeinden und Bistümer schwinden? Was sind zeitgemäße Aus­prägungen von Seelsorge, von Liturgie, Diakonie und Verkündigung? Auf diese Fragen gibt es natürlich nicht die eine Antwort, sondern eine Vielzahl von Antwortversuchen, die je nach Ort und Zeit unter­schied­lich ausfallen. Kirchesein ist zum Experimentierfeld geworden.

Um die Suche nach Zukunftsformen des Christentums zu unterstützen, hat das Bonifatiuswerk 2019 das Förderprogramm Räume des Glaubens eröffnen initiiert. Mit ihm sollen Neuansätze der Pastoral gefördert und begleitet werden. Ziel ist, innovative Projekte zu identifizieren, in de­nen Christsein neu gedacht, gelebt und gestaltet wird.

Das Zentrum für angewandte Pastoralforschung (zap) in Bochum hat für das Förderprogramm eine theologische Kriteriologie entwickelt. Grund­lage der Kriteriologie sind die bekannten Kennzeichen der Kirche, die sogenannten notae ecclesiae Einigkeit, Heiligkeit, Katholizität und Aposto­lizität, die als Wirksamkeitsfaktoren pastoralen Handelns begriffen wer­den. Das zap hat für die heutige kirchliche Projektarbeit daraus die Eva­luations-Kriterien Professionalität, Spiritualität, Kontextualität und Inten­tionalität entwickelt. Professionalität meint die Klarheit in der Struktur des Projektträgers, d. h. die Transparenz und Effizienz in der Entschei­dungsfindung und der Organisation der Projektgruppe. Spiritualität hebt auf das Vorhandensein geistlicher Quellen des Projektes ab und fragt nach dem spirituellen Profil, das die Projektgruppe prägt. Kontex­tualität spürt der Wirkung des Projektes in den lokalen Sozial- und Pastoralraum nach. Intentionalität schließlich fragt nach dem Kirchen- und Weltbild, das mit dem Projekt verfolgt wird.

Diese Kriteriologie bietet dem Förderprogramm nicht nur ein tragfähi­ges ekklesiologisches Fundament, sondern auch die Möglichkeit trans­parenter Evaluation. Durch das Grundraster der Kriterien Professio­nalität, Spiritualität, Kontextualität und Intentionalität können die geförderten Projekte bei aller Individualität vergleichend evaluiert werden und Hinweise auf wichtige Innovationsfaktoren kirchlichen Handelns geben. So kann eine Orientierungshilfe für die zukünftige missionarische Pastoral erarbeitet werden.

Kirche für das Veedel

Gefördert wird zum Beispiel das Projekt Kirche für Köln des Sendungs­raumes Köln-Mitte. Ziel ist die Gründung einer neuen Form von Kir­chengemeinde an St. Michael am Brüsseler Platz, der drittgrößten Kirche Kölns. Anlass ist die Beobachtung, dass das Belgische Viertel oft stark frequentiert ist, während die Kirche St. Michael leer ist. Dabei kann das Umfeld durchaus als „auf der Suche nach dem guten Leben“ bezeichnet werden. Yoga- und Meditationsangebote florieren im „Veedel“ genauso wie Esoterikläden und Kunstgalerien. Die Bevölke­rung ist vorwiegend jung und studentisch; viele engagieren sich in sozialen oder ökologischen Initiativen. Die Kirche aber scheint für die Menschen vor Ort unattraktiv zu sein.

Im Projekt Kirche für Köln soll eine Gemeinde für Kreative im Belgischen Viertel in Köln entstehen. Grafik: Sendungsraum Köln-Mitte.

Mit dem Projekt Kirche für Köln will der Sendungsraum Köln-Mitte das ändern. Die neuzugründende Gemeinde soll sich an den Bedarfen und Anliegen der Menschen im Veedel orientieren. Dazu gehören vor allem die Update-Gottesdienste, die freitagabends stattfinden. Sie zeichnen sich durch einen erweiterten Empfang auf dem Vorplatz von St. Michael inklusive eines kleinen Imbisses aus. Der Gottesdienst selbst enthält Filmvorführungen und Powerpoint-Präsentationen als Predigtimpuls sowie als Hauptteil Worshipmusik mit Anbetung. Getragen wird der Update-Gottesdienst wesentlich durch Ehrenamtlichen-Teams, die verschiedene Dienste vom Empfang bis zur Deko übernehmen.

Zweiter wichtiger Baustein ist der Alpha-Kurs, der in einer lockeren Atmosphäre den Grundfragen christlicher Existenz nachgeht. Durch seine Offenheit für die Anliegen der Besucherinnen und Besucher ist er gut geeignet, das suchende Umfeld von St. Michael zu rezipieren und ein lebensnahes christliches Deutungsangebot zu unterbreiten. Be­son­ders die Krypta mit ihrer besonderen Stimmung sowie der Aufent­halts­raum der Gemeinde, der auch die passende Kochgelegenheit für die gemeinsamen Mahlzeiten bietet, sind für die Durchführung des Alphakurses geeignet.

#mach’et! ist der dritte Baustein der Gemeindegründung und will die hohe Bereitschaft zum sozialen Engagement der Menschen vor Ort heben und christliche Diakonie als anschlussfähig präsentieren. In vielfältigen Aktionen wie zum Beispiel einer Blutspendeaktion in der Kirche und Weihnachten für Wohnungslose zeigt sich die praktische Wirksamkeit des Christentums im Sozialraum. Durch den Bezug zum Liebesgebot Jesu bleibt das Evangelium als Fundament des Handelns dabei stets erkennbar.

Ein detailliertes Kommunikationskonzept auf Grundlage der Werte Wahrheit, Authentizität und Empathie soll die Wahrnehmung des Projektes sicherstellen und den christlichen Glauben als interessantes Deutungsangebot vermitteln. Dies schließt sowohl die Kommunikation vor Ort (Gebäudebanner, Screens etc.) als auch die sozialen Medien (Beiträge und Storys) ein. Durch die Identifikation von Personas (fikti­ven, aber exemplarischen Modellnutzern) im Vorfeld konnten die Hauptzielgruppen der Kommunikationsarbeit bereits umrissen und passgenauen Kommunikationsmaßnahmen zugeordnet werden.

Gottesdienste als Tür zum Glauben

Das Projekt Türöffnererlebnisse der Pfarrei Mariä Unbefleckte Empfäng­nis in Eckenhaid im Erzbistum Bamberg hat sich ganz der liturgischen Erneuerung verschrieben. Die Pfarrei hat in den letzten Jahren deutlich an Mitgliedern verloren, sei es durch Tod, sei es durch Austritte. Der Nachwuchs bleibt weitgehend aus. Inzwischen leben in der Region nordöstlich von Nürnberg mehr Bekenntnislose als Katholiken.

Die Projektgruppe, die vorwiegend aus engagierten Laien der umlie­genden Pfarreien besteht, hat das Problem in der mangelnden An­schlussfähigkeit der traditionellen Gottesdienste ausgemacht. Vor allem die verwendete Sprache, aber auch die Erwartungen an die spirituelle Vorbildung der Teilnehmer/​innen seien nicht mehr zeitgemäß. Daher sei der Gottesdienstbesuch seit längerem rückläufig. Das Christentum in der Form des Feierns werde vor Ort kaum noch wahrgenommen.

Die Projektgruppe hat daher die Gottesdienstreihe Türöffnererlebnisse konzipiert. Durch regelmäßig stattfindende ansprechende Gottes­dienste soll christliche Liturgie ihre Lebensrelevanz zurückgewinnen und die Tür zum Glauben öffnen. Die zweimonatlichen Abende folgen den Leitmotiven Willkommen sein – Atem holen – Kraft tanken – Sinn entdecken und sind jeweils einem bestimmten Thema zugeordnet. Willkommen sein: Das heißt, dass jeder Besucher persönlich begrüßt und auf seinen Platz begleitet wird. Auch im Anschluss an den Gottes­dienst gibt es die Möglichkeit zur persönlichen Begegnung bei einem Imbiss am Stehtisch. Atem holen: Durch eine besondere Ausleuchtung erhält der Kirchenraum eine wohlige Atmosphäre. Zudem ist jedem Besucher freigestellt, inwieweit er oder sie sich in den Gottesdienst einbringt. Kraft tanken bedeutet für die Projektgruppe, dass die christ­liche Botschaft, konkret unter anderem die Bibel, als Kraftquelle auch für heute wahrgenommen werden soll. Sinn entdecken schließlich meint, dass der Besucher auch für sich selbst die Bedeutung der sinn­stiftenden Botschaft Jesu Christi erkennen kann.

Das Projekt Türöffnererlebnisse will christlicher Liturgie ihre Lebens­relevanz zurückgeben. Foto: Pfarrei Mariä Unbefleckte Empfängnis Eckenhaid.

Die Gottesdienste sind so konzipiert, dass die Anforderungen an die Teilnehmer auf ein Minimum begrenzt sind. Daher werden auch Grund­gebete wie das Vaterunser eingeblendet. Gegebenenfalls werden Gebete umgeschrieben, um das heutige Sprachgefühl ansprechen zu können. Sämtliche Texte werden so ausgewählt und geschrieben, dass sie von Menschen ohne religiöse Vorbildung verstanden werden können. Die zur Verwendung kommenden Medien spielen ebenfalls eine zentrale Rolle in den Türöffnererlebnissen: Der neu angeschaffte Flatscreen ermöglicht Präsentationen, Kurzfilme sowie Interaktionsformate z. B. per Smartphone. Ein Abo bei einer Stockbörse bietet Zugriff auf quali­tätvolle Bilder. Neben der Ausleuchtung ist der Projektgruppe besonders die Live-Musik wichtig. Bewusst hat sie sich dafür entschieden, dass sie eher zum Zuhören als zum Mitsingen animieren soll. Dadurch werden Fremdheitsgefühle angesichts unbekannter Liedtexte vermieden. Die halbrunde Anordnung der Sitzbänke eignet sich besonders gut für die Präsentationen und lässt ein lockeres Gemeinschaftsgefühl entstehen. Durch die regelmäßigen Feedbackschleifen soll die Kommunikation mit den Teilnehmenden sichergestellt und das Gottesdienstformat kontinu­ierlich weiterentwickelt werden.

Vernetzung als Weg zum Erfolg

Die heutige Projektarbeit zeigt, dass Vernetzung immer wichtiger wird. Der Austausch mit Gleichgesinnten sowie Impulsgebern ist zu einem unverzichtbaren Faktor für innovative Projekte geworden, die einen nachhaltigen Effekt erzielen wollen. Daher hat das zap in Zusammen­arbeit mit dem Bonifatiuswerk im September 2020 zum bundesweiten Netzwerktreffen der geförderten Projekte von Räume des Glaubens er­öffnen geladen. Trotz coronabedingter Einschränkungen kamen mehr als 30 Projektpartnerinnen und Projektpartner in der Katholischen Akademie Schwerte zusammen.

Die Projektpartner sowie Vertreter des Zentrums für angewandte Pastoral­forschung und des Bonifatiuswerkes auf dem Netzwerktreffen von Räume des Glaubens eröffnen in Schwerte. Foto: zap.

Das zap konnte dabei neueste Erkenntnisse zur Frage nach der Herkunft von Innovation in der Kirche präsentieren. Für die Projektarbeit bedeu­tend war vor allem die Erfahrung, dass die Logiken von Ursprung, Ein­fluss und Mitgliedschaft gleichermaßen den Erfolg kirchlichen Han­delns beeinflussen. Die Ursprungslogik fragt nach der Sendung eines kirchlichen Akteurs: Was macht deine Mission aus, auf welcher Grund­lage handelst du? Die Einflusslogik macht darauf aufmerksam, dass jedes kirchliche Handeln einen positiven Effekt auf das Umfeld haben muss, wie auch immer dieser konkret aussieht. Die Mitgliedschaftslogik unterstreicht, dass auch das bloße Dabeisein im Projekt beziehungs­weise in der Institution für die Mitglieder bereits spürbar sinnvoll sein muss. Sollte eine Projektgruppe vergessen, woher ihr Auftrag kommt, was sie in ihrem Umfeld bewirken will und warum es sinnvoll ist, dabei zu sein, drohen Hemmnisse auf dem Weg zur Verwirklichung des Projektziels.

Mindestens genauso wichtig wie der Input der Experten war jedoch der Austausch der Projektpartner untereinander. Es zeigte sich, dass viele Projektgruppen vor ähnlichen Herausforderungen stehen, wie zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit kirchlichen Entscheidungsträgern. Gleichzeitig war das Potential zu gegenseitiger Beratung und zum Teilen der eigenen Erfahrungen sehr hoch. Überraschend zeigten sich thema­tische Querverbindungen über Landes- und Bistumsgrenzen hinweg. Am Ende des Tages stand die Erkenntnis, dass das Innovationspotential der christlichen Kirchen auch in Deutschland enorm hoch ist. Trotz aller lähmenden Debatten über Strukturen und kirchenrechtliche Vorgaben gibt es in der pastoralen Praxis erstaunlich viele qualitätvolle Initiativen und Neuaufbrüche.

Vielfalt der Ansätze

Nach gut einem Jahr Laufzeit lassen sich erste Erkenntnisse aus dem Förderprogramm gewinnen:

Erstens gibt es eine erstaunliche Vielfalt an Gemeinschaftsformen in der Kirche, die innovative Projekte durchführen. Unter den geförderten Gemeinschaftsformen finden sich Pfarreien bzw. Pfarreizusammen­schlüsse, Bistumseinrichtungen, Vereine und Verbände und geistliche Gemeinschaften. Es scheint, dass es in allen Kristallisationsformen kirchlichen Handelns Potential für missionarische Neuaufbrüche gibt. Besonders erfreulich ist das in Bezug auf die Pfarreien bzw. größeren pastoralen Einheiten, die für immerhin die Hälfte aller geförderten Projekte verantwortlich sind. Das zeigt, dass sie keineswegs nur in­haltsarme Strukturen, sondern durchaus zu aktivem missionarischen Handeln in der Lage sind.

Auch die verfolgten Ansätze sind erstaunlich vielfältig. Kirche für Köln lässt sich als spezialisierte Gemeindegründung verstehen; die Türöff­nererlebnisse sind eher den liturgischen Neuaufbrüchen zuzuordnen. Andere Projekte verfolgen innovative Ansätze in der Seelsorge oder beschreiten neue Wege der Verkündigung. Daneben existieren Initia­tiven der dienenden Nächstenliebe und neue Formen ehrenamtlichen Engagements. Das deutet darauf hin, dass die Zukunft des Christentums nicht in einem einzelnen Vollzug des Kircheseins, sondern in der Fülle kirchlichen Handelns liegt, die vor Ort selbstverständlich auf je eigene Weise entfaltet wird.

Ebenfalls ermutigend ist, dass die geförderten Projekte aus den ver­schiedensten Himmelsrichtungen kommen: aus Brandenburg und Bayern genauso wie aus Nordrhein-Westfalen. Weder scheinen tra­ditionell volkskirchlich geprägte Regionen noch die Diaspora zu mis­sionarischen Ansätzen unfähig zu sein. Auch dies stimmt für die Vitalität der Kirche in Deutschland sehr hoffnungsvoll.

Die erfreulichste Nachricht dürfte jedoch im hohen Interesse am Förderprogramm selbst liegen. Das Bonifatiuswerk könnte nichts fördern, wenn es nicht überall in der Kirche interessierte Christinnen und Christen gäbe, die ihren Glauben weitergeben wollen und dafür Zeit und Ressourcen investieren. Deren Existenz ist aber mit den er­folgten Förderungen und zahlreichen weiteren Anfragen bewiesen, was zeigt, dass der christliche Glaube weit zukunftsfähiger ist, als wir ihm vielleicht zutrauen.

Auf der Suche nach der Zukunft des Christentums

Das Förderprogramm Räume des Glaubens eröffnen ist zum Versuchs­labor für Zukunftsformen des Christentums in Deutschland geworden. Welche Ansätze missionarischen Handelns werden sich bewähren? Welche liturgischen, diakonischen und verkündigenden Neukonzep­tionen werden überzeugen? Welche guten Ideen sind wirklich effektiv? Diese Fragen wird erst die Evaluation zum Abschluss der Förderung beantworten können. Vermutlich werden wir in zwei Jahren ein etwas deutlicheres Bild davon haben, welche Wege zum Ziel führen und welche sich als Holzwege entpuppen beziehungsweise was gute und schlechte Wege überhaupt ausmacht. Auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse können Prioritäten in der Kirche vor Ort neu abgesteckt und gegebenenfalls auch Ressourcen effektiver eingesetzt werden.

Hilfreich dafür ist, dass ähnlich gelagerte Förderprogramme derzeit in Belgien und den Niederlanden durchgeführt werden. Auch hier sind umfassende Evaluationen vorgesehen. Der vergleichende Blick in un­sere Nachbarländer wird auch hilfreiche Rückschlüsse auf Handlungs­möglichkeiten und Bedarfe der katholischen Kirche in Deutschland zulassen.

Wie geht es weiter mit dem christlichen Glauben? Diese Frage lässt sich nicht ausschließlich beobachtend beantworten, sondern auch durch Wort und Tat jedes einzelnen Christen. Wir alle sind herausgefordert, von der Hoffnung, die uns erfüllt, Zeugnis zu geben (vgl. 1 Petr 3,15). Noch mehr als alle großkirchlichen Veränderungen wird vielleicht dieses Zeugnis dazu beitragen, dass der christliche Glaube auch in Zukunft das Leben der Menschen bereichern kann.