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„Was nun, Herr Bischof?“

Reaktionen und Stimmen zu den Ergebnissen der Projektion 2060

David Gutmann und Fabian Peters, Autoren der „Projektion 2060“ zur langfristigen Entwicklung der Kirchenmitgliedschaft und des Kirchen­steueraufkommens in Deutschland, geben einen Überblick über Reaktionen zu den Studienergebnissen seitens der Kirchenleitungen im katholischen Bereich.

„Was nun?“ – so fragen der Chefredakteur des ZDF, Peter Frey, und seine Stellvertreterin Bettina Schausten, regelmäßig wichtige Staatsrepräsen­tanten über aktuelle Themen, die die Bevölkerung besonders bewegen. „Was nun, Herr Bischof?“, wurde nach Veröffentlichung der langfristigen Vorausberechnung der Kirchenmitglieder und des Kirchensteuerauf­kommens den katholischen und evangelischen Bischöfen und Kirchen­leitenden oft die Frage gestellt. Bei weit mehr als hundert Veranstal­tungen ließen sie und ihre verantwortlichen Gremien sich von den Freiburger Wissen­schaftlern informieren. In beinahe allen deutschen Diözesen und Lan­deskirchen wurde über Konsequenzen sowie mögliche Reaktionen aus der sogenannten Freiburger Studie diskutiert. Nach unzähligen Berich­ten und Kommentaren in Print-, Hörfunk-, Online- und TV-Medien – national wie international – soll mit diesem Beitrag ein Rückblick auf die Reaktionen und Stimmen zu den Ergebnissen der Projektion 2060 in den vergangenen eineinhalb Jahren versucht werden.

Die Projektionsergebnisse selbst wurden bereits unter dem Titel „Pro­jektion 2060“ in der euangel-Ausgabe 3/2019 vorgestellt. Voraussicht­lich Ende des ersten Quartals 2021, im Vorfeld des Ökumenischen Kir­chentags in Frankfurt am Main, wird im Neukirchener Verlag unter dem Titel „#projektion 2060. Die Freiburger Studie zu Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer. Analysen – Chancen – Visionen“ eine ausführliche Dokumentation erscheinen. Neben den wissenschaftlichen Grundlagen und detaillierten bundesweiten wie regionalen Ergebnissen werden darin mögliche Konsequenzen für die kirchliche Arbeit und kirchliche Reaktionen aufgezeigt. Auch die Auswirkungen aktueller Entwicklun­gen wie die deutlich gestiegenen Austrittszahlen der vergangenen Jahre und die Corona-Pandemie werden aus gegebenem Anlass beleuchtet.

„Was nun, Herr Bischof?“ richtete sich naturgemäß vor allem an die katholischen Verantwortungsträger, deren Reaktionen in diesem Beitrag schwerpunktmäßig thematisiert werden. Dessen ungeachtet wurde die Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung sowie die Projekt­arbeit von Anfang bis Ende konsequent ökumenisch gedacht und durchgeführt. Dies verdeutlicht nicht zuletzt die in enger Absprache und Zusammenarbeit zwischen Deutscher Bischofskonferenz (DBK), Evangelischer Kirche in Deutschland (EKD) und dem Forschungszen­trum Generationenverträge (FZG) vorbereitete Veröffentlichung der Projektionsergebnisse Anfang Mai 2019. Diese verschaffte den Kirchen die Gelegenheit, medial zu reagieren. So waren es in der öffentlichen Debatte zunächst kirchliche Akteure, die die Deutungshoheit über die projizierte Entwicklung für sich in Anspruch nehmen konnten. Die bei­den führenden Repräsentanten der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland brachten sich so direkt bei Bekanntwerden ge­meinsam in die Debatte ein. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, versicherten, dass „die Kirchen […] die Er­kenntnisse der Studie nutzen [wollen], um sich langfristig auf Verände­rungen einzustellen“. Für Marx war die „Studie auch ein Aufruf zur Mission“. Und Bedford-Strohm zeigte sich diesbezüglich entschlossen: „Manches am Rückgang an Kirchenmitgliedern werden wir nicht ändern können. Anderes aber schon.“

Diese Zuversicht fand sich in den Aussagen der meisten katholischen Bischöfe, Generalvikare und Finanzverantwortlichen wieder. Oft nahmen sie darauf Bezug, dass mehr als die Hälfte des projizierten Mitgliederverlustes auf kirchenspezifische Faktoren zurückgehe und somit beeinflussbar sei. „Diese Zahlen müssen nicht eintreten“, sagte beispielsweise der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick: „Die Kirchen müssen sich gut aufstellen, auch neu aufstellen. Sie müssen neu hinhören auf die Menschen.“ Es gebe viele Ansatzpunkte, die sich aus der Freiburger Studie ergeben. „Es lässt sich vieles tun und ich bin da auch hoffnungsvoll. Aber wir müssen beginnen.“ Diese Reaktionen, so beteuerten die kirchlichen Verantwortlichen, müssten aber realistisch betrachtet und von grundsätzlichen Überlegungen begleitet werden. So machte der Kölner Generalvikar Markus Hoffmann klar, dass man sich dem aufgezeigten Trend sicherlich nicht vollkommen entziehen könne. Dennoch bestehe Hoffnung: „Die Zukunft liegt ein Stück weit auch in unserer Hand. Die Zahlen machen deutlich, dass wir einen neuen Auf­bruch brauchen und nicht tatenlos zusehen dürfen, wenn Menschen der Kirche den Rücken kehren.“ Gerade auf die Frage, „wer künftig seine Kinder taufen lässt, wer der Kirche treu bleibt, wer als Erwachsener den Weg in die Kirche findet oder zu ihr zurück“, könne die Kirche Einfluss nehmen.

Die Kirchen müssten sich damit auseinandersetzen, wie eine zeitge­mäße Kirche aussieht und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielt und spielen will. „Wir müssen durch unsere Arbeit überzeugen“, betonte der Würzburger Bischof Franz Jung. Im Bistum Würzburg ließen fast 90 Pro­zent aller katholischen Eltern ihre Kinder taufen, deutlich mehr als in vielen anderen deutschen Diözesen. „Wie gehen wir mit dieser großen Kontaktmöglichkeit um? […] Wir werden von den Gläubigen letztlich wie jedes andere ‚Unternehmen‘ nach der Qualität unseres Tuns beur­teilt.“ Es gelte, stärker auf bisher nicht erreichte Zielgruppen wie „Digi­tal Natives“ und junge Erwachsene zuzugehen. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sieht sich durch die Projektion ermutigt, „uns nicht in ge­sellschaftliche Nischen zurückzuziehen, sondern profiliert und mutig unseren Sendungsauftrag zu allen Menschen auszubauen. Wir werden eine Kirche für alle Menschen bleiben, auch mit unseren caritativen und Bildungs-Angeboten.“ Sowohl die katholischen als auch die evangeli­schen Stellungnahmen wurden breit rezipiert, stießen aber nicht über­all auf Wohlgefallen. So stellte Reinhard Bingener in der FAZ fest, dass nicht nur der künftige Mitgliederrückgang der beiden Kirchen schon lange bekannt sei, sondern auch „die Phrasen, mit denen die Kirchen­leitungen jetzt auf die Studie reagieren“.

Die meisten Ansatzpunkte sahen die kirchlichen Verantwortlichen bei jungen Menschen zu Beginn des Erwerbslebens. Dem Entfremdungs­prozess bis zur ersten Kirchensteuerzahlung müsse etwas entgegen­gesetzt werden: „Für junge Menschen zwischen 14 und 28 Jahren haben wir zu wenig zu bieten. Dabei sind das biografisch besonders wichtige Jahre“, konstatiert der Würzburger Bischof Jung. Als strategische Mög­lichkeit, um junge Erwachsene in der Kirche zu halten, empfahl der Finanzchef der Erzdiözese Paderborn, Dirk Wummel, dort anzusetzen, wo die Kirchen den meisten Kontakt zu den Gläubigen haben. Ebenso rief Erzbischof Heiner Koch im Zusammenhang mit der niedrigen Tauf­bereitschaft in seinem Erzbistum dazu auf, „Hochzeiten, Kommunion­feiern und Begräbnisse sowie Einrichtungen wie katholische Schulen zu nutzen, um mit kirchenfernen Teilnehmern ins Gespräch zu kommen“. Generell gelte es, jene Mitglieder verstärkt in den Blick zu nehmen, die sich nur selten oder gar nicht am Gemeindeleben beteiligten. Das Bis­tum Essen sprach sich angesichts einer von ihr in Auftrag gegebenen Kirchenaustrittsstudie dafür aus, „nicht nur die besonders aktiven Mitglieder der ‚Kerngemeinden‘ in den Blick zu nehmen, sondern ebenso die Katholiken, die nur selten ihre Angebote nutzen“. Und das Bistum Trier (2019) verfolgt als Ziel seiner Bistumssynode gar einen grundsätzlichen Perspektivwechsel: „vom Kreisen um sich selbst hin in eine Bewegung auf die Menschen zu, auf ihre Themen und Bedürf­nisse“. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sah darin für beide Kirchen deutliche Potenziale: „Vor allen Dingen lässt sich vieles bei den Kasualien verbessern – also Beerdigungen, Taufen – und vieles näher bei den Menschen vollziehen. Das sollten wir tun. Wir müssen eine bessere Familienpastoral haben. Das muss auch in Deutschland öku­menisch besser gehen, weil wir viele konfessionell verschiedene Paare und Familien haben.“ Schließlich beabsichtigte Generalvikar Pater Michael Huber für das Bistum Eichstätt, „die Bereiche der Jugend- und Berufungspastoral [zu stärken] und […] geistliche Initiativen, die Glaubens­kommunikation und Evangelisierung [zu fördern], um Menschen für den Glauben weiter zu begeistern“. Finanziell flankiert würden diese Initiativen durch die Einrichtung eines sogenannten „Innovations­topfes“ (Diözese Eichstätt 2020, 13).

Gelegentlich tauchte eine generelle Abschaffung der Kirchensteuer in den Diskussionen auf: Diese biete nur auf den ersten Blick Sicherheit und Stabilität. Stattdessen wurde ein spendenbasiertes Finanzierungs­system nach angelsächsischem Modell vorgeschlagen, das nach den Erfahrungsberichten auf der örtlichen Ebene pastoralen Fortschritt initiieren und für diesen förderlich sein kann (vgl. z. B. Spielberg 2012, 298 f.). Der Finanzbericht des Bistums Speyer wies allerdings auf das Risiko hin, wenn, „wie in anderen Ländern auch, ein anderes System der Kir­chenfinanzierung rechtlich“ durchgesetzt werden würde (Bistum Speyer 2019, Anlage IV/12). Dies sei mit hohen finanziellen Einbußen verbunden, da freiwillige Spenden vermutlich deutlich geringer aus­fallen würden als die bisherigen Kir­chensteuern. Kurz vor Veröffent­lichung der Freiburger Studie sorgte der Vorschlag des Bischofs von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, Kirchen­steuer und staatliche Finanz­zuweisungen in Deutschland abzuschaffen, für große mediale Resonanz. Angesichts des zu erwartenden Kirchen­steuerrückgangs wurde in vielen Diözesen die strategische Bedeutung der Erschließung neuer Finanzquellen betont (vgl. z. B. Bistum Mainz 2019, 40).

Viele kirchliche Verantwortliche sehen eine Chance zur Plausibilisie­rung der Kirchenmitgliedschaft in der Stärkung des diakonischen und missionarischen Profils. Der Würzburger Bischof Franz Jung betont in diesem Geiste: „Um dort zu sein, wo es brennt und Menschen in Not­lagen sind“, müssten verfasste Kirche und Caritas enger zusammen­arbeiten. Außerdem sollten „alle Mitarbeiter – auch die Verwaltungs­kräfte – als ,erste Missionare‘ in den Blick“ genommen werden. In diesem Geiste rechnet Dirk Wummel für das Erzbistum Paderborn konkret vor: „Wir haben 3.300 Mitarbeitende in den Kitas des Erz­bistums, die wiederum mehrere zehntausend Kinder erreichen. Dahinter stehen noch einmal Eltern, Großeltern und Geschwister. Nehmen wir diese Zahl einfach mal sechs, dann landen wir bei einer enormen Summe. Ähnlich sieht es in unseren Schulen aus, wo hinter jedem einzelnen Schüler eine ganze Menge weiterer Menschen stehen, zu denen wir indirekten Kontakt haben.“

In beinahe allen Diözesen finden derzeit Zukunfts- und Sparprozesse statt, von denen sich viele explizit auf die Freiburger Studie beziehen. Gerade für kirchliche Finanzverantwortliche bot die langfristig proji­zierte Kirchensteuerentwicklung die Gelegenheit, ihre in den vergan­genen Jahren oft ungehörte Mahnung zu mittelfristigen Haushalts­einsparungen zu Gehör zu bringen. Das Bistum Münster verkündete „starke Einschnitte“ als Konsequenz aus der Langfristprojektion und verwies dabei auf einen „sozialverträglichen Personalabbau“. Der Generalvikar des Bistums Hildesheim hat mit Blick auf den prognosti­zierten Rückgang auch den Gebäudebestand im Blick: „Das führt auch dazu, dass viele kirchliche Gebäude zukünftig nicht mehr benötigt wer­den. Insofern ist es aus wirtschaftlichen Gründen geboten, den gesam­ten Gebäudebestand dem notwendigen Bedarf anzupassen. Geschieht das nicht, hat das Bistum bei voraussichtlich zurückgehenden Kirchen­steuereinnahmen weiterhin hohe Instandhaltungs- und Investitions­kosten zu finanzieren“ (Bischöfliches Generalvikariat Hildesheim 2020, 55). In diesem Sinne reagierte der Generalvikar des Erzbistums Frei­burg, Axel Mehlmann, bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung des verabschiedeten Doppelhaushalts 2020/2021 auf die Freiburger Zahlen: „In den kommenden Monaten werden wir dann ein Konzept erarbeiten, das grundsätzlich auf die erwarteten geringeren Finanzmittel reagiert.“

Der Fuldaer Bischof Michael Gerber sah nach Veröffentlichung der Freiburger Studie Gestaltungsmöglichkeiten in Bezug auf das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten und verwies auf den Strategie­prozess „Bistum 2030“ und die „Strategischen Ziele“. Diese zielten darauf ab, das Bistum an den Ansatzpunkten der Freiburger Studie – Mitgliederbindung und Mitgliederneugewinnung – zukunftsfähig auszurichten. Für den Generalvikar von Speyer, Andreas Sturm, war klar, dass die „Frage nach einer zukünftigen Ausrichtung der Kirche im Bistum Speyer angesichts notwendiger Priorisierungen noch einmal dringlicher geworden“ ist. In diesem Zusammenhang nahm er Bezug auf den 2020 initiierten Visionsprozess im Bistum Speyer: „Die Frage ist im Grunde die nach einer gemeinsamen Vision.“

Für gesamtkirchliche Lösungen bedarf es eines Ziel- und Strategie­prozesses, der die wesentlichen Aufgaben und Prioritäten genauso wie notwendige Kürzungen festlegt und auf einem breiten Kommitment beruht. Dabei werden Konflikte auszuhalten und auszutragen sein: zwischen innovativen und bewährten Wegen, zwischen Aufbrüchen und Einsparungen, zwischen Mitglieder- und Gemeinwesenorien­tierung.

„Was nun, Herr Bischof?“ Die Antworten darauf sind so vielfältig wie die Kirche in Deutschland. Vielleicht ist es aber gar nicht so schwierig, wie die eine oder der andere vermutet. Stefanie Witte bietet in ihrem Kom­mentar in der Osnabrücker Zeitung eine Antwort an, die so einfach wie treffend ist: „Am Ende kann der Wandel auch eine Chance sein — für mehr Ökumene, neue Formen der Gemeinschaft, Besinnung aufs Wesentliche. Voraussetzung ist, dass dieser Wandel aktiv gestaltet und nicht passiv erduldet wird.“